Sie wollen Freimaurer werden?

aufbereitet von Br\ Kurt O. Wörl

hammer_stein_240Die folgende fiktive Unterhaltung zwischen einem Freimaurermeister und einem Aufnahmesuchenden (wir sprechen von „Suchenden“) soll in unterhaltsamer Form die wichtigsten Fragen beantworten, die erfahrungsgemäß an Freimaurerei Interessierte – so oder ähnlich – häufig beschäftigen.

Der Dialog basiert auf einem Urtext von Br\ Paul Otto Ruppert, vor 1932 Mitglied der Loge „Zu den drei Ringen“, in Leipzig. Ich habe den Dialog vonmstark pathetisch-wilhelminischen Duktus befreit und sachlich an die Freimaurerei des beginnenden 21. Jahrhunderts angepasst – beides so gut es mir gelingen mochte.

Rollen:

M = Freimaurermeister
S = Aufnahmesuchender

M Sie wollen also Freimaurer werden?
S Ich habe viel über die Freimaurerei gehört und gelesen. Was ich gelesen habe, hat mich stets stark bewegt und angeregt. Ja, ich bin sicher, ich möchte der Freimaurerei beitreten.
M Ihre Absicht freut mich, doch bitte rufen Sie sich nochmals meine Fragestellung in Erinnerung. Ich fragte Sie nicht: „Wollen Sie Freimaurer werden?“ sondern: „Sie wollen Freimaurer werden?“
S Der Unterschied fiel mir schon auf, doch gab ich ihm kein besonderes Gewicht.
M Erkennen Sie bitte daraus: Eine Aufforderung von meiner oder befreundeter Seite, Sie mögen in den Freimaurerbund eintreten, kann und wird es nicht geben. Jedoch werde ich Sie gerne über alles aufklären, was Sie zu wissen wünschen, damit Sie sich ein klares Bild von unserem Bund machen können.
S Vielen Dank schon jetzt dafür. Ich werde Ihre Auskünfte gerne nutzen, um mich entscheiden zu können..
M So soll es sein! Meine Frage lautete: Sie wollen Freimaurer werden?“ und jedes Wort, in dieser Stellung, hat seinen besonderen Wert.

Das „Sie“ wendet sich an Ihr Eigenwesen mit Ihren persönlichen Besonderheiten, so, als ob die zweifelnde Frage „Sie? gerade Sie?“ gestellt würde. Es soll damit tatsächlich eine Aufforderung an Sie verbunden sein, sich selbst eine eingehende Rechenschaft über Ihre Eignung zu geben.

Das „wollen“ deutet auf ein Wünschen, ein seelisches Begehren nach Ihrem Anschluss hin, welches ausschließlich von Ihnen selbst ausgehen und Ihr ganzes Wesen durchdringen sollte. Denn nur ein solcher freier, unbeeinflusster Wille wird den rechten Weg finden.

„Freimaurer“, vorläufig nur ein Wort, ein Name tritt vor Ihre Seele als sprachlicher Ausdruck für einen eigenartigen Lebensstil, den Sie bisher noch nicht kennen und verstehen können. Er ist Ihnen vielleicht nur die Bezeichnung einer Menschengemeinschaft, die in besonderen, nur ihr eigentümlichen gesellschaftlichen Formen verkehrt.

Das Wort „werden“ aber bitte ich als den Ausdruck einer an Sie herantretenden und von Ihnen zu durchlebenden Entwicklung, die sich erst in der Zukunft und – vielleicht auch nur teilweise – als Erfüllung Ihres Vorhabens erweisen wird.

S Ich denke, ich habe nun den Sinn Ihrer Frage erfasst und freue mich, hierdurch in neuer Weise die Tiefe unserer Sprache kennen und schätzen zu lernen.

Wenn ich Sie recht verstanden habe, so fordert also die Zugehörigkeit zu Ihrem Bunde mein ganzes Ich, meine volle Persönlichkeit, die Fülle meiner geistigen und materiellen Kraft und meines Wollens, in einem Sinne und Wirken, wie dies eben nur mir eigen ist?

M Sie haben verstanden. Wir fordern in erster Linie die Ganzheit Ihres dauernden, unabgelenkten Willens …
S … und zwar in der eigenartigen Richtung Ihrer Gemeinschaft, die Sie als Lebensschule in Vergleich setzen zur Kunst des Steinhauers, des durch Bildung und Können gehobenen Maurers, eines Werkkundigen also, unter dessen geschulter Hand aus dem rohen Stein die vollendete Figur sich gestaltet und entwickelt …
M … und zu einem geschlossenen, selbstständigen Werk wird …
S … das scheinbar fertig ist, aber doch als Mensch und Menschenwerk immer ein „Werden“ bleibt und im sichtbaren Leben nie vollendet sein wird. Denn immer erheben sich im Laufe der Zeit und durch den Wechsel der Umstände neue Forderungen, sowohl an den Zweck, wie an die Ausdrucksform des Geschaffenen.
M Ich freue mich, dass Sie meine Frage so ernst auffassen.
S In mir wächst zusehends der Wunsch, mich einer Aufgabe zu widmen, die, wie ich nur ahne, die Freimaurerei im Dasein der Menschheit zu erfüllen hat.
M Das hat Sie in der Tat, wenn sie recht und wahr erfasst wird. Und die Freimaurerei wird in Zukunft ihre Aufgabe in noch weit stärkerem Maße als bisher zu erfüllen haben.

Ich freue mich, dass Sie den inneren Sinn meiner Frage erfasst haben. Eine gleiche Frage stellt auch der Leiter eines Betriebes, eines Büros, einer Behörde, einer höheren Schule, oder der Meister eines Berufs, oder Handwerks, wenn ein Bewerber eine Lehre treten möchte.

Da steht vor dem Meister ein junger Mensch mit dem Wunsch nach Entfaltung in ihm schlummernder Kräfte, deren Vorhandensein er ahnt und die er unter Anleitung eines bewährten Meisters wecken möchte, dessen Inhalt und Umfang der Lehrsuchende freilich noch nicht völlig überblicken und würdigen kann. Aber sein junges Herz ist doch schon erfüllt vom Idealbild späterer Arbeit.

Nach der Lehre, will der Lehrsuchende ja einst selbst als Könner die erhaltene Lehre und das übernommene Werk selbst schaffend wandeln in eigenes Werk. Das soll, nunmehr, vom eigenen Gedankenreichtum beflügelt, sich selbstständig darstellen. Der Lehrling fühlt ja, wie die lebendige Kraft seiner Ideen nach Erlösung durch die Tat drängt. Er weiß aber auch schon, dass wiederum er selbst einst seine Kraft und sein Können in ihrer ganzen Fülle an künftige Lehrlinge und Generationen weiter zu geben haben wird. Diese Hoffnung wird ihn beglücken.

S Sie sprechen meine Gedanken und sprechen, als ob ich selbst spräche.
M Diese Übereinstimmung wird unser gegenseitiges Verständnis erleichtern. Ich kann also darauf verzichten, Ihnen ausdrücklich von den falschen Vorstellungen zu erzählen, die manche von der Zielsetzung der Freimaurerei machen …
S … als einem Bruderbund zu gegenseitiger Unterstützung und Hilfsbereitschaft in bedrängter Lage?
M Wer dies in der Freimaurerei sähe, würde nur enttäuscht werden. Er sollte unserem Bund besser fernbleiben. Der Freimaurerbund ist weder Versicherungsanstalt, noch Asyl für gefährdete Existenzen. Er hat seine besondere Aufgabe und muss deshalb solche Vorgänge und Rettungsmaßnahmen anderen Vereinen überlassen.
S Doch höre ich von brüderlicher Hilfe an Notleidenden, Witwen und Waisen …
M Sie sind natürliche Begleiterscheinungen der engen Bundesgemeinschaft, doch nicht Selbstzweck oder einzige Aufgabe. Ein gewissenhafter Baumeister duldet an einem gut errichteten und Sturm bewährten Haus keine schadhaften Stellen und lässt, wo sein Bau oder einzelne seiner Teile durch äußere Einflüsse zu Schaden gekommen ist, diese Schäden nicht weiter um sich greifen. Er bessert nach Kräften aus und richtet Zusammengebrochenes wieder auf. Nur gänzlich Faulgewordenes, Wurmstichiges wird er konsequent entfernen.

Die freimaurerische Gemeinschaft wird ihre Unterstützung keinem Mitglied versagen, das im Kampf um seine Überzeugung, bei Wahrung seiner freigeistigen und freiheitlichen Anschauungen, in unverschuldete Not gerät. Die freimaurerische Hilfstätigkeit wird auch dort nach Kräften eintreten, wo der unerbittliche Kampf ums Dasein einem edel gesinnten Freund Wunden geschlagen hat, oder Krankheit und Unglück die Kraft seines Armes oder Geistes lähmte.

S Wie steht es, wenn ein Freimaurer z.B. für ein wissenschaftliches Werk um Unterstützung seiner Logenbrüder bittet? Kann er in weitgehender Weise darauf zählen?
M Verstehen Sie, dass ich darauf nur sehr allgemein antworten kann. Es liegt im innersten Wesen der Freimaurerei begründet, dass erbetene Hilfe, zumal wenn eine solche Arbeit auch der Stärkung des freimaurerischen Gedankens dienen kann, nach den zur Verfügung stehenden Mitteln sicher gewährt wird.

Ein Anspruch allerdings darf nicht erhoben werden oder gar als Bedingung für die Mitgliedschaft gestellt werden. Das sollte vorweg klar sein: nur unter gewissen Voraussetzungen und in besonderen Ausnahmefällen wird solche Hilfe Folge der Gemeinschaft sein können. Es ist streng zu unterscheiden von der kirchlich gestempelten christlichen Liebestätigkeit.

Die Unterstützungspflicht, der Hilfsanspruch darf niemals seitens eines Bundesmitgliedes als Forderung gestellt werden, am allerwenigsten als eine solche, die auf gerichtlichem Wege eingeklagt oder erzwungen werden könnte.

S Das leuchtet ein. Ich begreife, dass die Ziele der Freimaurerei höhere und weitere und frei von Selbstsucht sein müssen. Doch hörte ich auch von Festen und fröhlicher Geselligkeit …
M Es ist jedem erlaubt, sich nach Arbeit im Berufsalltag mit anderen zusammen zu finden, z.B. zu einer schlichten Tafelrunde, um bei launigen Gesprächen, Speise, Gesang und Trank der vollbrachten Leistung und neuen Zielen zu gedenken. Doch gilt auch hier: nicht Selbstzweck ist’s, nicht Dauerübung oder gar Ziel. Gelegentlich nur und selten soll und wird ein solches Festmahl nach der Arbeit wenige Stunden würzen.
S Das sehe ich ein und finde es so auch in Ordnung. Sie mögen mir meine Zwischenfragen nachsehen …
M Sie waren ja nicht unnütz und ich antworte Ihnen gerne.
S Wie Sie mir antworten stärkt mein Vertrauen, dass ich in einem solchen Kreis eine gute Lebensschule und Lehrstätte zu Formung und Bewährung meiner Persönlichkeit finden könnte.
M Dieses Vertrauen wird nicht enttäuscht werden, wenn Ihr Wollen seinem Ziel treu bleibt und nicht erlahmt bei den Ablenkungen, die auch in der Königlichen Kunst (so nennen wir die Gesamtheit freimaurerischer Betätigung) nicht zu vermeiden sind. Denn wir bleiben natürlich Menschen mit all unseren körperlichen und geistigen Beschränkungen. Man bezeichnete sie auch schon als ‚kosmische Abhängigkeiten‘.
S Oh, ich weiß. Sicher jedem schwindet einmal das Vertrauen in seine Kraft. Jeden verlässt einmal der Mut zu sich selbst. Jeder fühlt sich irgendwann einmal schwach vor den Aufgaben, die ihm gestellt sind. Vielleicht zweifelt er auch, ob die gewährte Schule und Lehrweise ihm überhaupt den rechten Weg weisen können.
M Jeder Schüler wird einmal von Zweifeln geplagt, mit Zweifel an seinen Lehrern und an ihrer Führung. Und er muss gegen sich selbst kämpfen, solche Zweifel zu überwinden. Ihre Zwischenrede lässt mich erkennen, dass Sie die freimaurerische Hauptaufgabe richtig erfühlen. Die Freimaurerei will in der Tat eine freie Akademie der vollkommenen Lebenskunst sein, eine geistige Bauschule für die Heranbildung geeigneter Werkleute am Bau eines Tempels, der der ganzen Menschheit gewidmet sein soll. In anderen Worten: Tempelbau, Baukunst, Königliche Kunst tönt Ihnen als Fachsprache der Maurerei entgegen, als Bildzeichen und Symbol für einen tiefen Geistesgehalt.

Lassen Sie es mich vorwegnehmen: es wäre ein großer Irrtum, wenn aus der Verwendung des Wortes Tempel geschlossen würde, die Freimaurerei wolle mit dieser Geistesakademie in einen Wettbewerb mit den religiösen Konfessionen treten, sei gar eine Art Religion oder Religionsersatz.

S Davon habe ich schon gehört: Ich erinnere mich an Aussagen wie „die Freimaurerei sei nur Fortführung und Erweiterung des Christentums, oder sie sei die Kampforganisation einer neuen Art Religion gegenüber den Konfessionen …
M … worüber ich Ihnen später noch einiges erzählen möchte. Doch lassen Sie mich vorerst Ihren Ausdruck „Kampforganisation“ aufgreifen und davon das Wort „Kampf“ abtrennen, um diesen Begriff zwischen uns zu klären. Ich leugne es nicht. Auch Kampf gehört zu unserer Lebenskunst, in dem Sinne, wie jeder Mensch sein Ziel und seine Stellung im Leben sich erkämpfen und sie vor anderen Mitbewerber behaupten muss.
S So lehrt also die Freimaurerei: „Mensch sein, heißt Kämpfer sein.“
M In diesem Spruch fasste Goethe des Lebens Weisheit – und er war sicher einer der besten Maurer. Und hatte er nicht recht?

Ist nicht die gesamte Entwicklung der Menschheit das Ergebnis eines fortwährenden Kampfes des höher strebenden Neuen gegen die starr lastende Masse?

Hat sich nicht die Entwicklung im Wettstreit der neuen Form gegen die alte, bestehende, begrenzte, oft versteinerte Norm vollzogen ?

Muss nicht ständig diese aus einem noch locker gefügten Gedanken aufsteigende, neue Gestaltung erst um Anerkennung ihrer besonderen Art und ihrer Berechtigung neben dem bisher Bestehenden ringen?

Wird nicht in jedem Bau, den Menschen errichten, die träge, ungeordnete Masse durch Bewegung überwunden, Ungefügtes durch berechnetes Einpassen in gewollte, geordnete Form umgestaltet?

Verbindet nicht Plan und Absicht bei jedem Bau Auseinanderstrebendes und Gegeneinanderwuchtendes durch gesetzlich abgewogenes Verknüpfen, Unter- und Überordnen?

So stellt sich im rechten Sinne alles „Bauen“ dar als das Bekämpfen eines Wildtriebes durch weise Kraft, als eine erfolgreiche Überwindung des Unförmigen, Ungeordneten durch Züchtung und Ordnung. In diesem Sinne wird der im Vielerlei Ordnung schaffende „Kampf“ zur umfassenden, das Geordnete fördernden „Liebe“. Und diese ist die stärkste Macht, denn sie überwindet und bezwingt nicht nur, sondern sie verbindet und befestigt im neuen, gemeinsamen Willen das Gegensätzliche und das Widerstrebende zur Einheit …

S Sie öffnen mir Tore zu Gedanken, die meinem bisherigen Denken verschlossen waren …
M Ihr starkes Wollen wird sich durchsetzen müssen im Kampf gegen das Niedere und Gemeine, gegen die rohe Masse in Ihrem eigenen Ich. Ihr Streben nach Wahrheit, Güte und Schönheit wird sich bei Ihren Mitmenschen Anerkennung erringen müssen und dieser Kampf wird Liebe, Opfer und kluge Selbstentscheidung nicht entbehren können.
S Ein schöner Gedanke. Aber wie soll ich die Möglichkeit einer solchen Verbindung von Kampf und Liebe im richtigem Sinne verstehen?
M In dem auch dem Gegner die Achtung vor dem was er schätzt nicht versagt bleibt und der zugrunde liegende Teil bewahrt bleibt vor vernichtendem Hass und dauernd drohender Feindschaft. Nur mittels allmählicher Aufklärung, liebevoller Überredung und in erster Linie durch vorbildliches eigenes Tun im Sinne unserer Weltanschauung wollen wir als Freimaurer überwinden und Erfolg haben. Niemals wollen wir Gegner unterwerfen, versklaven oder gar vernichten.
S So betrachten Sie also Kampf und Liebe als die Pole einer gleichen Betätigung?
M Ja, als Ziel- und Sammelpunkte jeder Arbeit am rauen Stein. Arbeit und Tätigkeit heißt für uns Kampf gegen die Unordnung und die Unwürdigkeiten menschlicher Verhältnisse, geführt aus und in Liebe zur mit Fehlern behafteten Menschheit, deren Wandlung zu gebildeten und glückvollen Gemeinschaftswesen auf der ganzen Erde unser Ziel ist.

Sie werden als Freimaurer lernen müssen, sich mit Ihrem subjektiven Idealismus zu behaupten gegen die Tücke des realen Objekts. Es ist dabei gleichgültig, ob Ihnen dieses nun in den eigenen Gedanken, in der Familie, im Beruf, in Staat und Gesellschaft oder in Ihrer Idee vom Glück und Ziel der Menschheit entgegentreten mag. Dabei muss Ihnen bewusst bleiben, dass eben dieser Idee noch die greifbare Gestalt fehlt oder bislang von anderer Seite in einer Form geboten wird, die Ihrer

Überzeugung nach nicht zum rechten Ziel führen kann. Hier gilt es für den Freimaurer als erste Pflicht, sich selbst zu erkennen, das heißt, er muss sich seiner Geistesverfassung völlig bewusst werden, die ihm zwar auch angeboren, aber noch viel mehr anerzogen wurde. Und er muss klar sein über seine körperlichen und seelischer Kräfte, um sein weiteres Handeln darauf einstellen zu können, auf dass es dem hohen ethischen Ideal, dem Dombauplan von einer glücklichen Gesamtheit der Menschen entspreche.

„Sei du gut und werde du besser, dann werden auch die Anderen gut und die Erde wird zum Hort des Besten“ – so führt die Selbsterkenntnis zur Selbstbeherrschung und zur Selbstveredelung und damit zur unvergleichlichen Schönheit des gesamten Menschengeschlechts. Das ist der allgemeine Bauplan der Freimaurerei.

S Führt nicht das „Erkenne dich selbst!“ zu einem verzagenden und entsagenden Pessimismus im und gegenüber dem Leben oder zu der bitteren Erkenntnis: „Alles ist eitel!“?
M Nach der Weltanschauung der Freimaurer nicht notwendigerweise. Freimaurer bekennen sich als Erbauer kühner Bauwerke voller Schönheit zu der Weisheit: „Der Mensch ist stärker als das Schicksal“. Im Dombau überwindet der erforschende Geist den Widerstand des trägen Materials und zwingt es zu gewollter Form. Der wahre Baumeister denkt so:

„Unförmige und mangelhafte Steine rings um mich. Ich aber vermag sie nach Maß und Winkel zu behauen und zum Aneinanderreihen gefügig zu machen, dass sie im Tragen und Ertragen sich aufrichten – Schicht um Schicht – gleich den wachsenden Bäumen in den Wäldern oder den Kolossen der Berge, zu einem Zeit und Sturm trotzenden Kunstwerk meines Willens, meiner Idee.“

So wird sich auch der noch unedle und profane Mensch durch edlen Willen und starke Anstrengung formen lassen zur tadellosen, ragenden Säule, die an den Himmel greift.

Aus der von der Wissenschaft erforschten Entwicklung unseres Planeten, aus der in die Tiefe dringenden Anschauung der Welt und dem daraus gewonnenen Bild des Werdens unserer Werkstätte erwächst uns diese Gewissheit …

S Verzeihen sie meinen Kleinmut.
M Noch auf andere Art lassen Sie mich Ihren Bedenken begegnen. Ein Dichter, Emil Gött, hat unser Streben in wunderbaren Worten ausgedrückt:

„Durchsichtig wie der edelste Kristall
muss um mich steh’n und leuchten rings das All,
kein dunkler Fleck darf fürder an ihm sein.
Wie schaff‘ ich das? – Ich glüh‘ mich selber rein.“

Es gilt danach, im fortwährenden Ringen und Selbstbezwingen zu beweisen, dass Sie „wollen“, dass „Sie Freimaurer werden wollen“, der ausharrt in seiner gestaltenden Arbeit trotz aller Schwierigkeiten. Da heißt es mit dauernder Liebe festhalten am Bauplan Ihres Lebens, der auch der Grundriss Ihrer Lebensgemeinschaft ist und sich ausdrückt im Leitgedanken vom Sinn des Lebens: die gesellschaftliche Lage und das Glück der Menschen in fortschrittlichen Bahnen zu entwickeln, durch sittliche Bildung des Einzelnen, zu einem bewussten Zusammenwirken Aller, zu einer Gemeinsamkeit, welche jedem einzelnen die Chance zu größtmöglichem Glück gewährt.

S Demnach ist „Arbeit“ die innerste Kraft Ihres Bundes!
M „Arbeit“? Gewiss; – und bis zur letzten Stunde des Lebens. Arbeit an sich, Arbeit an der Familie, Arbeit unter den Freunden, Arbeit im öffentlichen Leben, mit immer frischem Mut und ungeschwächter Kraft.
S Das beweist, dass das Gleichnis von der Baukunst, in welches die Lehre der Freimaurer gekleidet ist, gut passt, um in edler Form für die tiefen Probleme des menschlichen Daseins Lösungen zu finden. Es scheint mir sehr geeignet das Wesens des Menschen zu erkennen – und für ein Bekenntnis zu kraftvoller Tat.
M Sie werden die Kraft, Tiefe und umfassende Geltung dieses Gleichnisses später in unserer besonderen Form der gemeinschaftlichen Arbeit noch höher schätzen lernen, doch auch begreifen, dass seine völlige Auslegung, Verwertung und Verwendung ein Werkgeheimnis für die Geistes- und Willensbildung unserer Mitglieder ist.
S Also birgt die Freimaurerei doch ein Geheimnis, ein Mysterium, ähnlich dem der konfessionellen Glaubensgemeinschaften?
M Ja und Nein, lieber Freund. – Nein, wenn Sie mit dem Begriff „Mysterium“ etwas Magisches, Übernatürliches verbinden. Ja, wenn Sie in ihm nur den schlichten Sinn des vor unberufenen Augen und Ohren zu Verbergenden, vor unverständigem Spott zu Schützendem und Geschützes erblicken.

Ein Werkgeheimnis nannte ich es, wie wohl auch jede Wissenschaft, jedes Handwerk, jedes Geschäft für seine innere Organisation, für die Ausführung seiner Handlungen, für die Obliegenheiten seiner Geschäftsträger Geheimnisse hat, deren Schutz ihm Gesetz und Recht zubilligt.

Sehen Sie, auch jede Familie hat doch ihre innersten Angelegenheiten und behält diese streng für sich mit Sorge behütet. Jede Loge bildet gewissermaßen eine große Familie. Im übrigen dient die Abgeschlossenheit unserer Logenarbeiten nur dazu, der Wirkung der freimaurerischen Idee in ihrer besonderen, zum Denken anregenden, Geist und Gemüt erhebenden Form einen ungehinderten und unablenkbaren und darum um so stärkeren Eindruck zu sichern.

Mit und durch die stille Abgeschlossenheit, die leider nur zu oft und unverständiger Weise mit Geheimnistuerei verwechselt wird, soll nur die Eindrucksmöglichkeit der besonderen Gesellschaftsform, ihr Ritus und die Reinheit der zu Grunde gelegten Idee vor dem verflachenden Einfluss der Alltäglichkeit und des Alltagsgeredes geschützt werden. Über diesem bedingt auch die innige Freundschaft, die unsere Mitglieder miteinander verbindet und das feste, zielbewusste Streben nach Verwirklichung unserer Ideen den geschlossenen Kreis. Nur in ihm allein sind volles Vertrauen und offener Gedankenaustausch möglich.

In geschichtlicher Hinsicht mag diese Abgeschlossenheit auch noch eine Notwendigkeit gewesen sein, um Verfolgung und Unterdrückung durch staatlichen und konfessionellen Unverstand abzuwehren.

S So sind also das Brauchtum, das Ritual und die gesellschaftliche Verkehrsform das eigentliche Geheimnis der Freimaurerei?
M Es ist so. Dieses Brauchtum als ein symbolischer Kult der Weisheit, Willenskraft und Herzensgüte, der den Geist beschäftigt und erfreut, das Gemüt bewegt und erfüllt, den Willen vorwärts und aufwärts wach hält und stählt, gibt der maurerischen Arbeit eine Form von unerschöpflicher Schönheit.
S Ich las aber bereits Schriften, die freimaurerische Gebräuche öffentlich darstellten, also enthüllten.
M Das ist wahr. Und doch vermochte noch keine Verrat – ob durch Wort oder Schrift – dem Profanen den tiefen Sinn dieses Brauchtums in seiner Anwendung und Durchführung zu enthüllen und seine tiefe seelische Wirkung für Freimaurer zu zerstören. „Ihre Formeln können verraten werden, nie aber das erlebte Geheimnis, der Gehalt der Königlichen Kunst“, sagte bereits das Handbuch des Freimaurerbundes „Zur aufgehenden Sonne“.
S Dann bliebe demnach noch ein letztes Geheimnis, eine mystische, geheimnisvolle, unerklärbare Wirkung?
M Ich wiederhole, was ich schon andeutete. Wenn Sie diese Einwirkung auf Ihre Seele auffassen, wie es die Kirche von ihren Gnadenmitteln, in ihrer eucharistischen Verwandlungslehre zu tun pflegt oder wie man es von den alten ägyptischen und eleusinischen Mysterien behauptet, so sind sie mit dieser Auffassung sicher auf dem falschen Weg. Die Freimaurerei kennt in ihrer wahren Form und Absicht nichts von einer solchen, zauberisch von außen nach innen, vom stellvertretenden Gegenstand auf den geistigen oder gar auf den körperlichen Menschen wirkenden Kraft ihrer Symbole und Gebräuche.
S Vielleicht hat eine falsch angebrachte Analogie bei Außenstehenden diese Meinung erzeugt?
M Halten Sie daran fest: Die Aufgabe und das Ziel der Freimaurer ist die Herausstellung der von jeder übergeordneten Autorität losgelösten, frei ihren Willen bekundenden, zur höchsten Vollendung gebrachten Einzelpersönlichkeiten im Rahmen der Kulturgrenzen. Diese Arbeit geschieht im Kreis und unter Mitwirkung der Gesellschafter an so einem ethischen Werk nur durch eigene Erziehung und selbst durchgeführte Pflege alles Vernünftigen, Reinen, Klaren und Schönen, was Natur und Leben auf dieser Erde und in unserer Zeit vorbildlich bietet.

Natur bedeutet dem Freimaurer die Welt alles Werdenden im eigentlichen Wortsinn und Kultur ist ihm die durchdachte Pflege dieser werdenden Welt, dass sie reicher, schöner und beglückender in ihrer Gestaltung und Auswirkung auf den Menschen heute und auf künftige Generationen werde. Nur hierauf deuten und weisen die Symbole und das Brauchtum der Freimaurerei, unter Ausschluss alles übernatürlichem und übersinnlichen, jenseitigen Geschehens und Hoffens.

S Ich las und hörte aber auch von einer „Wunder pflegenden, mystischen, mittelalterlich anmutenden Art der Freimaurerei“ und wurde davor gewarnt.
M Fehlentwicklungen lassen sich nicht leugnen. Es gab zu einer gewissen Zeit zu Beginn der Entwicklung der freimaurerischen Idee, hier in Deutschland wie auch in anderen Ländern, Einzelmaurer, Logen und Logenverbände, die einem solchen geistigen und oft noch ans Betrügerische streifenden Unfug erlagen. Die Geschichte der Freimaurerei verheimlicht keineswegs diesen dunklen Zeitabschnitt der Entwicklung und Sie werden davon noch vieles lesen und hören. Für jetzt mag es Ihnen genügen, wenn ich Ihnen versichere, dass gegen solche Entwicklungen zu rechter Zeit innerhalb der Freimaurerbünde Stellung genommen wurde und das meiste von diesem sinnlosen Ballast wieder aus dem Brauchtum entfernt ist.

Insbesondere waren diese Fehlentwicklungen und noch vorhandene mystische Restbestände in den alten Ritualen auch Anlass für die Gründung unserer freigeistigen Bauhütte und den „Freimaurerbund zur aufgehenden Sonne“, dessen Mutterloge und Landesloge für Bayern unsere „Loge Zur Wahrheit“, in Nürnberg, bis zu ihrer Selbstauflösung am 20.03.1933 war. Heute ist die „Loge Zur Wahrheit“ in Nürnberg Mitglied der humanitären Großloge der Alten Freien und Angenommenen Freimaurer von Deutschland im verband der Vereinigten Großlogen von Deutschland. Für unser Brauchtum kann ich Ihnen in jedem Falle versichern, dass die Fehlentwicklungen von vor Jahrhunderten darauf keinen Einfluss nehmen konnten.

S Es gibt also in der Freimaurerei verschiedene Systeme und voneinander abweichende Lehrauffassungen? Ich dachte einem einheitlichen, in jeder Hinsicht und homogenen Gebilde gegenüberzustehen?
M Ein nicht seltener Irrtum, der aber verständlich ist, weil der Begriff Einheit oft mit Gleichförmigkeit vermischt oder verwechselt wird. Ich versuche es mit einem Gleichnis aus der Wissenschaft der Zahl, Arithmetik und Algebra zu erklären: Sie werden sich sicher erinnern, dass man zum selben Ergebnis auf völlig verschiedene Berechnungsweisen kommen kann. Sie wissen auch, wenn nur die gewählte Art der Berechnung richtig ausgeführt wurde, so ist das Ergebnis doch immer das selbe.
S Ein schöner Vergleich, der mein Verständnis für verschiedene Systeme weckt, welche trotz unterschiedlicher Wege nicht die Einheitlichkeit des gemeinsamen Zieles stört.
M Dann werden Sie auch in der Vielfalt der freimaurerischen Systeme nichts mehr erblicken, was die Einheit der Freimaurerei an sich stören könnte und etwa die Gleichheit des Ergebnisses in Frage stellte, nämlich ein weises, starkes und schönes Menschentum, erzielt durch die richtige Anwendung bestimmter natürlicher Gesetze in Belehrung und Übung.
S Nun würde ich gerade diese Verschiedenheit der Systeme oder, um in Ihrem Bild zu bleiben, diese „verschiedenen Baustile“ – gerne näher kennen lernen. Ich möchte klar sehen, welchem dieser Stile ich meine Neigung zuwenden soll und welches System mich nach der Eigenart meiner geistigen Auffassungsgabe das erwünschte Ziel am zuverlässigsten erreichen lässt.
M Ich freue mich über Ihren Wunsch und werde gerne versuchen, Ihnen die Unterschiede unserer geistigen Bauschulen näher zu bringen. Nichts wäre falscher, als den künftigen Freimaurer im Ungewissen darüber zu lassen, welcher Art und wessen Geistes die besondere Teilarbeit im Gesamtwerk ist, die zu leisten sich der Kreis seiner Mitarbeiter am Bau vorgenommen hat und an der er sich beteiligen soll.

Wie könnte er seiner Aufgabe in der Bauhütte gerecht werden, wenn weder Richtung noch Stil seinen inneren Wünschen entsprechen, noch seine Kraft ausreicht, in diesem Stil selbstständig zu denken und planen, schöpferisch tätig zu sein. Und ich deutete schon an: die selbstständige Ausübung des freimaurerischen Berufes ist letztlich doch das Ziel der Schulung.

S Das ist auch mein Wunsch. Denn unselbstständiges Nachtreten und Nachbeten würde ich eines freien Mannes eher unwürdig empfinden, zumal, wenn er sich im Rahmen seines bürgerlichen Berufes bereits eine selbstständige, geachtete Stellung erworben hat.
M So ist es in der Tat! – Männer von gutem Ruf und aufrechter Gesinnung, die mit erhobenem Haupt, erprobtem Mut und freiem Blick an die Aufgaben des Lebens herantreten sollen die „Jünger“ unserer Kunst sein! Solche werden Sie finden und in ihnen treue Berater und Weggefährten erwerben. Denn nur diesen erschließt sich auch das innere Wesen der besonderen Stil-Art, die von der jeweiligen Bauhütte gepflegt wird. Um den Rahmen nicht zu sprengen, bitte ich um Nachsicht, wenn ich mich für heute auf die Gegebenheiten in Deutschland beschränke.
S Ich überlasse es selbstredend Ihrem Ermessen, inwieweit Sie mir Ein- und Überblick geben wollen.
M Zwei Hauptströmungen sind es, die nebeneinander herlaufen und in den Begriffen „christliche“ und „humanitäre“ Logen eingefasst werden können. Die christlichen bauen auf dem Gedanken: nur eine auf dem Grund eines entschiedenen Christentums sich aufbauende Arbeit an der menschlichen Gemeinschaft entspreche dem freimaurerischen Ideal einer „allgemeinen Religion“. Eine stetige Beziehung zu der Person Jesu als dem vollkommensten Bild eines Menschen ist ihr Ideal. Auf biblischen Sagen und Erzählungen baut sich demnach ihr Brauchtum auf. Sie glaubt in dieser Stellungnahme zu den Problemen des Lebens den echten Ring, von dem Weisheit ausstrahlt, zu besitzen.

Die andere Richtung, die humanitäre, gibt sich dagegen dem Gedanken hin, dass einen geeigneten Boden für das Glück der Menschheit nur jene Erziehung des rein menschlichen Empfindens schaffen könne, die in einer vernünftigen Auffassung des persönlichen, diesseitigen Lebens, in einer gesunden Entwicklung der jedem Menschen von Natur mitgegebenen Kräfte des Geistes und Körpers und in einer schönen Gestaltung des Zusammenwirkens aller menschlichen Betätigungen und Gemeinschaften wurzelt. Sie lässt dabei jedem die Freiheit in der Wahl des persönlich oder unpersönlich gedachten, rein abgezogenen Idealbildes der Vollkommenheit und seines Namens. Eine Freiheit, die es so auch Nichtchristen ermöglicht, Freimaurer zu werden.

S Mir scheint die zweite Richtung die aussichtsreichere zu sein.
M Ihr gehören in Deutschland heute auch etwa drei Viertel aller deutschen Freimaurer an. Die fortschreitenden Erkenntnisse der Wissenschaft ließ aber zu Beginn des 20. Jahrhunderts erkennen, dass auch dieser Standpunkt noch nicht zur Erfassung aller brauchbaren Geisteskräfte genügt. Es ist nötig, einen dritten Strom aus den Quellstuben menschlicher Erfahrung und Wissenschaft zum Meer des Lebens zu leiten, für dessen Glieder jede Bindung und Prüfung auf einen Glauben, sei er alt- oder neuchristlich, jüdisch, mohammedanisch, buddhistisch oder sonst bekenntnismäßig, nicht besteht. Dies führte zur Gründung des Freimaurerbundes zur aufgehenden Sonne, dem die Loge Zur Wahrheit entstammt. Dieser machte sich den monistischen Standpunkt, nach dem alle dem Menschen bekannte Erscheinungen und Ereignisse auf rein natürliche Ursachen und logische Kausalitäten zurück zu führen sind, zu eigen. Vorerst dürfen wir nicht außer Acht lassen, dass auch die humanitären Logen in der Hauptsache auf theistischem Standpunkt standen und stehen.

Der Begriff des „Großen Baumeisters aller Welten“ ist denn auch heute noch immer wieder Anlass für Diskussionen im Maurerkreis.

S Es ist also noch immer konfessionelles Fahrwasser, in dem die Schiffe der Freimaurer treiben?
M Nun, die persönlichen Überzeugungen eines jeden Freimaurers werden heute in den humanitären Logen natürlich völlig respektiert. Zwar wird immer noch die Bibel als Symbol für das Sittengesetz in den Freimaurertempeln aufgelegt – das hat in sofern eine Berechtigung, als die Sittengeschichte des Abendlandes nun einmal auf dem Buch der Bücher basiert – eine religiöse Bindung irgendwelcher Art wird aber von den Mitgliedern nicht gefordert.

Der im Ritual benutzte Begriff des „Großen Baumeisters aller Welten“ ist in humanitären Logen nicht mehr an das Bild eines personifizierten Gottes gebunden. Es ist ein Symbol, das den Freimaurer an die nicht zu leugnende Erkenntnis erinnern soll, dass im Universum schaffende Kräfte am Wirken sind, die der Mensch noch nicht einmal ansatzweise begriffen hat und denen er dennoch, ohne jede Möglichkeit ihnen auszukommen, für immer ausgesetzt ist. Diese Kräfte mögen sich in der Vorstellungswelt des einen Bruder sicher im Bild eines personifizierten Gottes manifestieren, für den Bruder daneben mag damit wiederum reine Physik, also die schaffenden und ordnenden Kräfte wie z.B. die über-All wirkende Gravitation erkennbar werden. Für den nächste Bruder ist damit vielleicht schlicht die Gesamtheit der Natur gemeint.

Aus dieser Vielfalt der Betrachtungen ergab sich fast zwangsläufig auch eine Vielfalt an freimaurerischen Spielarten. Man spricht von schottischer oder schwedischer (Andreas- oder Hochgrad-) Maurerei und die Johannismaurerei. Die ersteren wollen ihre Herkunft teils auf den Tempelritterorden, teils auf morgenländische Geheimbünde zurückführen und vermitteln die Weisheitslehre der königlichen Kunst in einer großen Zahl von Erkenntnisstufen oder Graden (4, 7, 10, 33, 64 ja, sogar 96) an ihre Anhänger. Letztere, die Johannismaurerei, begnügt sich mit nur drei Lehrstufen, dem Lehrlings-, Gesellen- und Meistergrad. Die Herkunft dieser Spielart wird den Dombauhütten des Mittelalters zugeschrieben.

 S Sie steht wohl auch getreuer und natürlicher im Bilde des Bauhandwerks.
Das sehe ich auch so. Nach diesem Urteil werden Sie sicher verstehen, dass die hoch- und vielgradige Form bei manchem Maurer auch Skepsis erzeugt, teilweise bis hin zur Ablehnung. In Deutschland ist die Hochgradfreimaurerei heute so integriert, dass eine Mitgliedschaft z.B. im Schottischen Ritus eine sog. „blaue Basis“, also eine Mitgliedschaft in einer Johannisloge voraussetzt. Das gesamte Lehrgebäude ist im Grunde in der Johannismaurerei vollständig vorhanden. Man nennt die Hochrade heute auch eher „vertiefende Grade“, weil jeder Grad Teilaspekte des Lehrgebäudes in besonderer Weise noch einmal detailliert aufbereitet.

Für die Arbeitsweise und Herkunft unserer Bauhütte, die ihre Wurzeln im Freigeistigen, im Monismus und in naturwissenschaftlicher Weltbetrachtung hat, hatten und haben die Hochgrade wenig Bedeutung. Sie stehen aber jedem Bruder zusätzlich zu seiner Mitgliedschaft in der Loge Zur Wahrheit offen.

 S Ich verstehe. Es scheint mir, dass der Aufnahmesuchende zur Mehrseitigkeit der freimaurerischen Systeme die richtige Einstellung für sich selbst zu finden hat und so bitte ich Sie, mir noch einiges darüber zu sagen, wie das zweckmäßig geschehen könnte.
 M Es entspricht der individuellen Lebensvita eines Suchenden in Erziehung, Weltanschauung und Lebensgestaltung; es richtet sich nach der Bildung seines Geistes in Schule und Familie und den Schlüssen aus dem Bereich seines eigenen Wirkungskreises, so wie nach seinen persönlichen Neigungen. Wer für sich den freimaurerischen Lebensstil wählen, sich einer der freimaurerischen Lehrarten anschließen und eingliedern möchte, muss über seine eigenen Seelenkräfte und Gefühlsneigungen durchaus im Klaren sein. Sehr konservative, bislang vielleicht streng in reguliertem Umfeld lebende, jeder freigeistigen Bestrebung stets fern gewesene, durch ihre ganze Umgebung an Überlieferung gebundene Männer, die aber gleichwohl nach einer fortschreitenden Entwicklung sich sehnen, werden sicher ganz besonders prüfen müssen, um sich selbst und anderen herbe Enttäuschungen, ja bittere seelische Konflikte zu ersparen.

Man kann hier kaum eine allgemein gültige Anleitung geben. Es muss vielmehr stets der Wahl des Suchenden selbst überlassen bleiben, wenn er sich – hoffentlich intensiv – im Bruderkreis von ihm besuchter Logen informiert hat. Dem ernsthaft Suchenden wird eine solche Unterredung in jeder Loge sicher gern gewährt werden.

Auch der freieste, geistig unabhängige Mann, der sich bereits für eine undogmatische Weltanschauung entschieden hat, ist gut beraten, sein Wollen einer reiflichen Prüfung zu unterziehen, um nicht einem Kreise beizutreten, in welchem ihm eine Entfaltung seiner Geistesrichtung nicht oder nur schwer möglich wäre. Die Logen bieten ein breites Spektrum und normalerweise sollte jeder Suchende die passende Bauhütte auch für seine Weltsicht finden.

Es darf auch nicht ganz die gesellschaftliche oder sagen wir besser wirtschaftliche Kraft unberücksichtigt bleiben, um die richtige Entscheidung zu treffen. Die Logen haben – je nach Eigenart – teilweise sehr voneinander abweichende Beitragsregelungen. Es wäre tragisch, wenn die Verpflichtungen, die aus einer Mitgliedschaft – wie in jedem Verein – erwachsen, den Suchenden überfordern, gar seiner Familie Entsagungen einbrächten.

Es entscheidet also die Eigenart des Menschen und der Einfluss der Umgebung, in die er hineingestellt ist.

 S Verzeihen Sie einen nahe liegenden Einwurf: Liegt nicht in der Auswahl auf Grund materiell gesicherter Existenz ein künstliches Beibehalten des unseligen Klassengegensatzes, der gerade in Deutschland schon so unheilvolle Blüten getrieben hat?
 M Ich halte Ihre Bedenken für unbegründet. Die Grundlagen der Freimaurerei bieten die Gewähr dafür, dass die Beurteilung der Geeignetheit für den Eintritt in den Kreis der Bruderkette in erster Linie nach geistigen Gesichtspunkten getroffen wird. Grundsätzlich ist die Reinheit des Willens und nicht die Größe des Geldbeutels als Bedingung für die Aufnahme Maß gebend. Kommt ein Bruder unverschuldet in Not, so wird er lieb gewordenen Brüdern nicht den Rücken kehren müssen. Dass alle Brüder sich auf gleicher Ebene begegnen ist gewisser Maßen ein Kernelement der Freimaurerei. In der Freimaurerei finden Menschen zueinander, die sich sonst nie im Leben begegnet werden. Um dem Kernelement, der gleichen Begegnungsebene, gerecht werden zu können ist es zwingend notwendig, Standesunterschiede als bedeutungslos zu betrachten.

Dennoch, kein Bruder soll in seinen Möglichkeiten überfordert werden. Der Freimaurer beschließt in sich gleichzeitig den Werkstoff wie den Bauarbeiter und den Werkkünstler. Er muss daher dienen UND führen können und in solcher Hinsicht spielt die natürliche, die gesellschaftliche Eigenart des Einzelnen eine zu beachtende Rolle.

 S Mir scheint das Symbol des Baues einen Dualismus zwischen Steinmetzen und Baustein zu postulieren, während im übertragenen Sinn diese beiden Faktoren im Freimaurer zusammenfallen.
 M Zunächst ist das scheinbar richtig. Aber man darf einen Vergleich nicht bis in seine letzte Folgerung ausdeuten, weil dieses Tun letztlich einer Gleichsetzung entspräche. Nehmen Sie ein anderes Beispiel:

Biologisch treten uns Erzieher und Zögling als ein zweigliedriges Verhältnis gegenüber. In Wahrheit bilden sie aber als Kultursubjekte eine unauflöslich verschränkte Einheit, weil sie beide auf dem Boden objektivierter Kulturgehalte stehen, ohne deren Vorhandensein eine Verständigung überhaupt nicht möglich wäre. In gleicher Weise ist auch das Bild vom Steinmetz und Stein zu verstehen. Der Freimaurer ist eben Erzieher und Zögling in einer Person, Bearbeiter und bearbeitender Gegenstand zugleich.

 S Die Schwierigkeit dieses Gleichnisses wird sich bei intensiverem Befassen mit der Symbolik der Freimaurerei sicher leicht auflösen, nicht wahr?
 M Sie werden das Gleichnis sogar lieben lernen und nicht mehr missen wollen. In ihm liegt eine tiefgründige Weisheit und gewaltige Menschenkenntnis verborgen. Es liegt eine tiefgründige Weisheit und große Menschenkenntnis darin verborgen. Überall ist das Brauchtum und die Sprache des Freimaurers mit bauhandwerklichen Ausdrücken und Formeln, die ganze Gedankengänge und Lebensweisheiten sinnbildlich umfassen
S Mein Einwand vorhin galt nur einem besseren Verständnis. Im übrigen denke ich, dass das Gleichnis glücklich gewählt, auch dem einfachen Verstand leicht zugänglich ist, zur Versinnbildlichung geistiger Inhalte dient.
M Ich sehe, dass Sie dem Kern unserer Aussprache, den ich Ihnen mehrfach in solchen Wortbildern anbot, gutes Verständnis entgegenbringen. Die Einheit der Freimaurerei liegt im dem Baugleichnis, aus dem sich zugleich ihre Vielfalt erklärt. Im Baugleichnis verstehen sich alle Völker, auch wenn sie verschiedene Sprachen sprechen. Die Bautätigkeit und die dazu nötigen Werkzeuge und Arbeitsregeln und Baugesetze sind überall gleich verständlich und wenn nicht gleicher, so doch ähnlicher Art. Denn der Begriff, der Wert und die Notwendigkeit der Hütte, des Hauses, der Gemeindehalle, der Burg, des Ehrentempels bis hin zur Kathedrale ist aller Menschheit geläufig.

Auch die Formen des Baues, die Gesetze der Bautätigkeit – wenn auch in Einzelheiten von einander abweichend, sind im allgemeinen doch überall von ähnlicher Art und daher leicht verständlich und begrifflich rasch zu erfassen. Ihre Anwendung als symbolische Handlung zur Verständigung, zum Zusammenschluss der Geister, selbst in entfernter Gegend, ist fast genial zu nennen. Eben noch einander fern stehende Menschen wirken im gemeinsamen Handeln und gegenseitigem Gedankenaustausch ohne Misstrauen und scheuer Zurückhaltung zusammen, sobald sie sich nur als Mitglieder der gleichen Kunstgilde erkannt haben.

S Nun verstehe ich, dass sich Freimaurer überall leicht miteinander verständigen und aneinander schließen können. Mein Verlangen Freimaurer zu werden schöpft daraus noch größere Nahrung.
M Sie werden aus diesem unvergleichlichen Vorteil die Pflicht unserer Bruderschaft verstehen, in der Wahl der Lehrlinge umsichtig zu sein, auch die Geheimhaltung unserer Verständigungszeichen begreifen und in ihr nur etwas Selbstverständliches und nichts Geheimnisvolles mehr erblicken.
S Durchaus! Mir wurde auch klar, warum und wie einerseits Neugierde und andererseits böswillige Verleumdung sich an die Freimaurerei heranmachen und, weil es ihnen ein im innersten verschlossenes und unbegreifliches Rätsel bleibt, an ihm Anstoß nehmen.
M Ein alter Spruch ist die beste Abwehr: „Wer bauen will an der Straße, der muss die Leute reden lassen!“ Wir selbst wählen uns aber den Giebelspruch: „Mein Haus – eine Welt!“
S Es muss wohl wahr sein, dass in Ihrem Bundeshaus sich die ganze Welt in lebendiger Tätigkeit zu spiegeln und sich neu zu formen vermag, wenn alle Kettenglieder sich ihm mit ihrem ganzen Sein, Sinnen und Trachten einzufügen verstehen.
M Ein hohes Ziel! Hierfür dauernde Liebe und Kraft zu wecken und zu erhalten, dazu dienen uns feierlich ausgestaltete Versammlungen, die „Arbeiten“, wie wir das nennen und Sie dürfen versichert sein, dass diese Arbeiten in der Tat von ernsthafter, den ganzen denkenden Menschen packender Natur sind. Es sind darin Wissenschaft mit starkem Forscherwillen und feinsinniger Gedankenkunst in schönster lebendiger Form vereint.
S Demnach den Verstand wie dem Gemüt in gleicher Weise wertvolle Anregung und Nahrung bietend?
M Das stimmt! Ich versichere Ihnen, dass gerade das Brauchtum unserer aus der Reformfreimaurerei stammenden Bauhütte, der Loge Zur Wahrheit, in dieser Hinsicht durch die Reformbestrebungen eine Ausgestaltung gewonnen hat, die modernem, wissenschaftlichem Denken in sehr weitem Bereiche gerecht wird, ohne dabei das Kulturelle, das Wahre, Schöne und Gute, wie z.B. Lyrik und Musik, vermissen zu lassen.
S Das ist sehr interessant, bitte erzählen Sie mir mehr davon.
M Die Entwicklung hat die Baukunst von der ausschließlichen Verwendung von Stein und Holz hingeführt zum Bauen mit Beton, Eisen, Stahl und auch viel Glas. Dabei wurden die Baugesetze zwar den neuen Bedingungen entsprechend angepasst, blieben aber im Gesamten weiterhin gegründet auf bewährte Methoden der Geometrie und Arithmetik. Ganz ähnlich die Entwicklung der Kultur, die erweiterte Aufgaben und Erfolge aufgrund neuer naturwissenschaftlicher Erkenntnisse aufzuweisen hat.

Die Gesetzmäßigkeit allen Naturgeschehens in Verbindung mit dem Kulturwillen zur Besserung der menschlichen Lebensverhältnisse ergibt für uns den Baugrund zu einem wirklich beglückenden Leben in der Gemeinschaft. Diese Synthese von Wissenschaft, Kultursinn und Gemütstiefe ist der Leitstern unseres reformierten freimaurerischen Brauchtums.

S So fände ich in Ihrem Bunde – alles in allem zusammengefasst – ernste Geistesarbeit, gewürzt mit fördernder Geselligkeit und hilfswilliger Freundschaft vereint?
M So ist es und nur wer sich mit ganzer Seele den Einwirkungen dieser idealen Lebensschule hinzugeben vermag, wird sich seines Freimaurerdaseins nutzbringend erfreuen können. Freimaurerei will die Verkünderin und Erzieherin zu einem wissenschaftlich belehrten und geordneten Leben sein. Dabei helfen die Vorträge im Lehrlingsgrad, die Unterweisungen zu selbstständiger Arbeit der Gesellen und die planvollen Baurisse der Meister. In gewisser Weise wird so – ähnlich einem Schulbetrieb – das Wissen der Brüder untereinander weitergegeben.

Dabei ist uns besonders wichtig, dass das Verhältnis von Lehrling, Geselle und Meister von vorneherein und jederzeit paritätisch ist und bleibt: alle lernen, alle lehren zugleich, dienen und führen im selben Maße, sind gleichberechtigt in der Verwertung und gleich verpflichtet in der Erarbeitung der Bauhüttenmittel. Ihre Schulung bezieht sich nur auf die Steigerung und Erreichung des hohen Ziels sittlichen Strebens. Es gibt keinen numerus clausus. Jeder soll Meister werden.

Das Wesentliche unserer Arbeit besteht darin, dass jeder den Platz, auf dem er steht, zu dem seine Kräfte ausreichen, mit dem Einsatz seiner ganzen Persönlichkeit ausfüllt. Treue im Kleinen ist notwendig! Ein Gebäude, wie es unser Ideal vom Tempel der Humanität ist, kann nicht nur aus Edelsteinen und Verziehungen bestehen, sondern bedarf auch tüchtiger und haltbarer Grundsteine.

S Wenn ich sie recht verstanden habe, so wäre die Freimaurerei – oder besser die Loge – einerseits eine Art philosophischer Hochschule (Akademie), gesellschaftlich-wirtschaftlich geschlossener Männerbund (ein Club) und sozialpolitisches Arbeitsamt (Kulturseminar)?
M Wenn Sie in den von Ihnen gewählten Worten die richtige Bedeutung sehen, haben Sie recht. Warnen möchte ich vor einer falschen Auffassung von den Begriffen „Männerbund“, „Kulturpolitisches Arbeitsamt“ usw. Sie können auch zu einem völlig falschen, verzerrten Bild von der Freimaurerei führen. Ich denke aber, dass Sie die Begriffe semantisch richtig geordnet haben, wie ich auch sicher bin, dass Sie auch eine realistische Vorstellung davon haben, dass Sie die dargestellten Aufgaben und Ziele nicht in allen Logen in gleicher Weise und gleicher Fülle vorfinden werden. So wie sich unterschiedliche Gebäude in Stil und Zweck unterscheiden, findet man natürlich auch in den Bauhütten teilweise sehr unterschiedliche Stil- und Arbeitsweisen
S Darf ich das so verstehen, dass in den einzelnen Logen bald mehr das eine, bald mehr das andere wesentliche Merkmal in Erscheinung tritt, doch der Rahmen dieser Äußerung geistigen Schaffens im allgemeinen der gleiche ist? Doch diese Unterschiede, sind sie nicht geeignet den Neuen in der Runde sehr zu verwirren?
M Fürchten Sie dies nicht! Die Vielseitigkeit der Aufgaben bringt den Vorteil mit sich, dass wirklich viele Arbeiter im friedlichen Einvernehmen nebeneinander und sich gegenseitig helfend, mit ihren Ideen sich befruchtend, beschäftigt werden können, ohne zu einer Einseitigkeit gezwungen zu werden. Die Logen überlassen den einzelnen Bruder seiner besonderen Berufung ohne jede Einmischung und Beeinflussung. Sie verbinden ihre Mitglieder nur in der Freizeit, jenseits der bürgerlichen Tätigkeit, zu bestimmten Zeiten zu ihren Vorträgen, Arbeiten und Festen …
S Entschuldigen Sie meinen Einwurf: Aber was Sie eben sagen, haben Logen dann doch mit anderen ethischen und wissenschaftlichen oder geistig anregenden Gesellschaften gemeinsam …
M .. mit einem großen Unterschied allerdings! Erinnern Sie sich, dass eben die Freimaurerei etwas besonderes in sich birgt, was sie von den genannten Gebilden unterscheidet: Ihr Wesentliches ist ihre Symbolik, ihr Ritual, ihre Festarbeiten und die Bruderschaft aus dieser Eigenart strahlt eine viel stärkere und wirksamere Wärme aus und in das alltägliche Leben eines jeden Bruders, als in den von Ihnen genannten Gesellschaften. Freimaurerei wird das gesamte Leben des Maurers erfassen, sein ganzes Wesen, seine Stimmung, sein Gefühl.

Meist ist es so, dass das soziale Umfeld des Freimaurers als erstes bemerkt, dass sich etwas zum Positiven verändert hat. Meist wird der Freimaurer, wenn er die Königliche Kunst wirklich lebt, sehr viel ausgleichender in die Gesellschaft und zwischen Gesellschaftsschichten zu vermitteln vermögen, als es ihm vorher in seinem profanen Dasein möglich war. Wie die Spannungen der Gewölbe in den Kathedralen und Domen sich ausgleichen auf den tragenden Säulen und Pfeilern, wie ihre gegenseitigen Massen und Formen zu einer harmonischen und dauerhaften Einheit sich zusammenfinden, so suchen die Logen zu ermöglichen, dass die gesellschaftlichen Gegensätze gemildert werden, indem sie Mitglieder aus allen Gesellschaftsschichten in sich vereinigen. Ein bekannter Bruder, Settegast, wählte hierfür die Worte:

„Der Freimaurer soll nicht allein für sich denken und wirken, sondern es auch als seine Aufgabe betrachten, ununterbrochen auf seine Umgebung Einfluss auszuüben, um sie gleichfalls zur Würdigung und Anerkennung der ewigen Ideen, d.h. des Idealismus zu bestimmen. Das liegt im Berufe des Freimaurers und dem einer jeden echten freimaurerischen Gemeinschaft.“

Lassen Sie mich die in unserem Gespräch erarbeiteten Fakten der inneren Aufgaben der Freimaurerei noch schärfer als bisher definieren, in dem ich die Logen bezeichne als

  • Erziehungsstätten der reifen Männer zu unermüdlichen Kulturpionieren,
  • Akademien der besten staatsbürgerlichen Lebenskunst,
  • Lehrwerkstätten einer umfassenden sozialen Baukunst,

oder alles in allem:

  • die freie, aus der Mitte der Lebenskreise selbst geschaffenen Universität eines echten, reinen Menschentums,
  • losgelöst von allen Fesseln engherziger Dogmen und konfessioneller Spaltungen,
  • gestützt auf das stählerne Gesetz der Entwicklung.
S Wenn ich diese schönen Grundsätze richtig verstehe, fordert freimaurerisches Wirken neben der Innenarbeit auch eine kraftvolle Arbeit mit Wirkung in die Gesellschaft hinein?
M In der Tat. Der Freimaurer soll, will und wird stets die Waffen des Geistes für Wahrheit, Gerechtigkeit und Menschenliebe gebrauchen. Er wird so handeln in Rede und Schrift, wo sich ihm Gelegenheit dazu bietet. Er wird in stiller Mitarbeit durch Mitgliedschaft und/oder per ideeller Hilfe Korporationen, die sich für Menschlichkeit und Menschenwürde einsetzen, unterstützen.
S Es ist ihm also auch Pflicht, im staatlichen Dienst, wo dieser neben dem amtlichen auch privates Engagement zulässt, seine Hilfe zur Verfügung zu stellen?
M Im freigeistigen und fortschrittlichem Sinn gewiss, um so bürokratische Verknöcherung im Dienste der Buchstabentreue zu vermeiden und, dass auch unter der Herrschaft von Paragraphen die Menschlichkeit nicht verloren geht, also Unrecht an Schwachen und Minderheiten aufgrund der Gesetzeslage möglichst vermieden wird.
S Heißt das, dass die Loge öffentlich und geschlossen auf und für von ihr gebilligte Ziele eintritt?
M Auch hier will ich Ihnen mit den Grundsätzen unseres Bundes antworten:

In seiner Lebensarbeit draußen steht der Einzelne nicht als Freimaurer. Er hilft als Mensch unter Menschen. Manche, nahe stehende Menschen, wissen vielleicht, dass sein Handeln aus freimaurerischer Erkenntnis kommt. Die Loge und der Bund selbst werden sicher in wichtigen Angelegenheiten der gesellschaftlichen Entwicklung Stellung beziehen. Doch soll das eher die Ausnahme sein. Beide aber halten den Freimaurer an, die Ziele der Königlichen Kunst nie aus dem Auge zu verlieren.

S Sie haben mir die Ziele und die Aufgaben ihres Bundes mit verlockendem Reichtum gezeigt, der mich sehr reizt, daran teilhaben zu wollen. Und wenn ich recht verstehe, so liegen die Hauptaufgaben der Freimaurer noch in der Zukunft.
M Da haben Sie recht. Noch ist zu wenig von den wahren Zielen unseres Bundes erreicht, noch ist die Freimaurerei weder im Leben der deutschen Bevölkerung, noch in dem der anderen Völker der Erde, der Kulturfaktor, der zu sein ihr eigentlich gut anstünde. Hier liegen noch viele Aufgaben auf der Wegstrecke hin zur einer Welt wahrer Menschlichkeit, für Menschen, die heute der Freimaurerei noch fern oder noch gar nicht geboren sind.
S Und welche Kulturziele halten Sie in heutiger Zeit für die wichtigsten, um sie zur Geltung zu bringen?
M Sie liegen auf der Hand, weil ihre Vernachlässigung zu beklagenswerten Zuständen unserer Tage geführt hat. Denken Sie an die Ereignisse um den 11. September 2001 in New York, an Probleme unserer Zeit: Da sind Umwelt, Unfrieden unter den Religionen, Terrorismus, Kriege am laufenden Band, Nachteile für Menschen aufgrund der Globalisierung. Rassismus und Folter sind noch nicht überwunden wie auch der Hass unter Völkern usw. Unsere Aufgaben angesichts solcher Erscheinungen waren bereits im Handbuch des Freimaurerbundes zur aufgehenden Sonne klar definiert:

„Der Bund fördert […] den Aufbau einer freien Weltanschauung auf der Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnis und einer neuen natürlichen Sittlichkeit, er bekämpft den Wahnsinn des Rassen-, Völker- und Klassenhasses und wirkt mit an der friedlichen Entwicklung der Menschheit und ihrer Heimstätte, der klein gewordenen Erde.“

An diesen Aufgaben hat sich praktisch auch heute, fast 100 Jahre nach der Niederschrift dieser Ziele, wenig geändert.

S Aber werden in der freimaurerischen Arbeit, angesichts der großen, ja globalen Aufgaben, nicht so hohe Erwartungen in das einzelne Mitglied gesetzt, dass viele damit schlicht überfordert werden?
M Lassen Sie mich mit einem Satz aus Müller-Lyers Buch vom Sinn des Lebens antworten:

„Es gehört dazu nicht mehr und nicht weniger als: „goldene Freiheit, gute Gesundheit, etwas Geld und viel Liebe“.

S Geben Sie mir bitte in Ihrer freimütigen Weise eine Verdeutlichung dieses Spruches?
M Unter „Freiheit“ verstehe ich den edlen, hochwertigen, selbst geborenen Willen, ohne Fremdbestimmung ein starkes Ich, eine persönliche Selbstständigkeit darzustellen.

„Gesundheit“ bedeutet mir einen klaren Kopf und frische, mutige Sinne, die sich auch neuen Aufgaben unbefangen mit Kraft zu widmen vermögen.

„Geld“ und Gut nehmen in gleicher Weise bei freimaurerischer Aufgaben wahr, wie sie sie es an jedem Bauwerk auch tun, wenn es seinen Anforderungen gerecht werden und im Besitz seines Erbauers bleiben soll. Im allgemeinen wird das monatliche Einkommen eines Bruders – je nach Beschlusslage der Logen – mit einem Betrag zwischen 15 und 40 EUR belastet. Oft sind auch eine einmalige Aufnahmegebühr um die 200 EUR beschlossene Sache.

Vor allem braucht freimaurerische Arbeit viel „Liebe“, die den Zielen verschwenderisch gewidmet werden sollte. Liebe, die allen Widernissen des Weges, des Baugrunds und der Baustoffe trotzt und keine Opfer scheut, um Widerstände zu überwinden, die den großen Plan gefährden könnten.

Im übrigen wird ein freier Mann selbst seine Leistungsgrenzen kennen und sich nach diesen in Weisheit und nur seinem Gewissen verpflichtet einzubringen wissen.

Um sicher zu gehen, dass neue Mitglieder weder durch die Ziele noch den daraus sich ergebenden Verpflichtungen überfordert werden, fordern wir offene und ehrliche Auskünfte über den Aufnahmesuchenden, weil eine feste Bruderkette keine untauglichen Glieder verkraften kann.

S In welche Richtung gehen diese Auskünfte?
M Ruf und Charakter eines Aufnahmesuchenden müssen völlig einwandfrei, die wirtschaftliche Stellung nach menschlich möglicher Voraussicht gesichert, die innere Lebensanschauung klar mit unsere Bestrebungen übereinstimmen. Sie werden sicher verstehen, dass die fortwährende positive Arbeit nur von Männern geleistet werden kann, deren Kraft nicht von der Sorge um das tägliche Brot gelähmt ist. Es ist dabei nicht erforderlich, dass unsere Mitglieder reiche Leute sind, doch sollen sie in geordneten Verhältnissen leben.

Anderseits werden wir jenen die Aufnahme verweigern, die lediglich in der Erlangung materieller Genüsse und Freuden den Zweck ihres Daseins erblicken und in den Tag hinein leben. Kaum Aufnahme finden wird auch, wer sich durch eine Mitgliedschaft bei uns und aufgrund der freundschaftlichen Beziehungen unserer Mitglieder zueinander, materielle Vorteile, günstige geschäftliche Verbindungen verspricht,.

S Wird der Suchende darüber informiert, wie diese Erkundigungen über seine ja eher äußere Seite eingeholt werden?
M In erster Linie ist uns die Weltanschauung eines Suchenden wichtig. Alleine das Gespräch mit dem Suchenden eröffnet meist den vorhandenen Gedankenkosmos. Wenn er – um ein Beispiel zu nennen – mit einem konfessionell-dogmatischem Religionsglauben ausgestattet ist, der in eifernder Weise seine Unfehlbarkeit und Alleinberechtigung durchsetzen will und der im Widerspruch zum Wollen der Freimaurerei steht, so wird der Suchende dies in mannigfachen Vorgesprächen nicht verbergen können. Deshalb wollen wir, dass uns Aufnahmesuchende für etwa ein Jahr als Gäste regelmäßig besuchen. Das dient zweierlei Prüfungen: Zum einen erkennen wir an der Regelmäßigkeit seines Besuches ein echtes Wollen. Und er wird teilnehmen an Vorträgen mit ethischem Bezug und folgender freimaurerischer Diskussion. Die Brüder werden sehr genau hinhören, welcher Geist aus des Suchenden Mund zu ihnen spricht.

Meistens erfahren wir sehr schnell, ob der Suchende durch Glaubensdogmen gefesselt oder frei ist, ob er offen für wissenschaftliche Erkenntnisse ist oder Neue Erkenntnisse ablehnt, ob er für Geistesfreiheit und Menschenwürde eintritt oder gefangen ist in einem fertigen Weltbild voll von Herrschaft von Offenbarungen und Überlieferungen.

Wir werden etwas über seine Bildung erfahren und über seine Berufung über seine Liebhabereien und sein familiäres Umfeld, das uns sehr wichtig ist. Ein noch so williger Freimaurer wird nie wirklich volle Freude an der Freimaurerei finden, wenn seine Partnerin ihm ob seiner Mitgliedschaft bei uns das Herz schwer macht.

Wir holen uns also diese Erkundigungen beim Suchenden selbst ein… die vermutlich auch zuverlässigste Methode.

S Fürchten Sie nicht, dass wirklich Suchende, das heißt noch um eine freie Weltanschauung Ringende, sich von vorneherein ausgeschlossen fühlen müssen?
M Das wäre ein bedauerlicher Irrtum. Freimaurerei will ja gerade aus geistiger Not befreien und deshalb stehen den ringenden und wollenden Menschen die Tore unseres Tempels, die Arbeitsplätze unserer Bauhütten gerne und weit offen. Aber es wäre Vergeudung unserer Energien und eine Gefährdung des Friedens und der Harmonie in unseren Logen, Leute aufzunehmen, die von vorneherein verständnislos und gegnerisch unserem Brauchtum gegenüber stehen.
S Das ist einzusehen.
M Ganz abgesehen davon, dass die Brüder unglücklich wären, der solchermaßen gebundene Mann würde sich selbst sehr bald unglücklich im Maurerkreise fühlen. Wir können nur den im faustischen Wollen ewig Strebenden Erfüllung geben und nur ihm gilt in Goethes Symbolum, das Sie in seinen Werken nachlesen mögen, der Ruf des Meisters: „Wir heißen Euch hoffen!“
S Mit fiel schon mehrfach auf, wie tief der freimaurerische Ideenkreis in den Werken unserer besten Dichter und Denker verankert ist und in ihren Werken Gestalt angenommen hat.
M Lessing, Herder, Goethe, Fichte bezeichnen nur die Gipfel in einer unüberschaubaren Reihe geistiger Größen in der Freimaurerwelt. Sie sind in gewisser Weise unsere Leitsterne für das Begreifen des Wesens der Freimaurerei im Weltverband der Völker und der freimaurerischen Auswirkung in den internationalen Beziehungen für ein friedlichen Mit- und Nebeneinanders aller Menschen.
S Ich danke Ihnen für Ihre freimütige Aufklärung und bin mir über vieles was die Freimaurerei betrifft nun sehr viel mehr im Klaren und spüre ein Verlangen, Ihr Schüler zu werden.
M Wie am Anfang unseres Gespräches sage ich nicht: „Kommen Sie!“. Doch Sie wissen, wo Sie mich finden, falls Sie weitere Gespräche wünschen. Mein Wort und mein Erfahrung als Freimaurer stehen Ihnen zur Verfügung. Finden Sie dennoch Anlass zu Zweifeln und kommen zu dem Schluss, dass Ihre Lebensauffassung zu den unsrigen in einem unvereinbaren Gegensatz stehen, so sagen Sie dies dann auch mit offenen Worten. Lassen Sie uns heute unsere Unterredung schließen. Sie werden Ihre Entscheidung treffen als freier, denkender Mann!

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