Betrachtungen zum Problem „Wahrheit“

von Bruder (Prof.) Eberhard Barth+,
1999 geschrieben für seine Tochter Marianne

Zunächst ein Exkurs in Richtung Philosophie.

Was ist Philosophie? Fachphilosophen tun sich schwer bei der Beantwortung dieser Frage. Griffiger, aber auch unbestimmter ist die Antwort eines Nicht‑Fachmanns: „Philosophie ist der Versuch des Menschen, die Rätsel seines Daseins ‑ der ihn umgebenden äußeren Welt wie seines eigenen Inneren ‑ mit den Mitteln des Denkens zu lösen.“ (Störig)

Völlig in die Irre geht, was heute gerne z.B. als Philosophie eines Betriebes bezeichnet wird. Was dort als Philosophie ausgegeben wird, sind einfach die Prinzipien, nach denen der Betrieb arbeitet.

Bei philosophischen Überlegungen wird oft auf Verstand und Vernunft verwiesen. Daher diese Hinweise:

Wenn wir uns um den Gebrauch der Vernunft bemühen, laden wir uns erhebliche geistige und gesellschaftliche Arbeit auf, denn die Schwierigkeiten beginnen, sobald wir fragen, wie sich Vernunft zeigt und wie wir vernünftig handeln.

Vernunft ist das Vermögen des Menschen, die Welt insgesamt mittels geistiger Fähigkeiten in ihren Zusammenhängen, Gesetzmäßigkeiten und Widersprüchen, also in ihrer Totalität zu erfassen und in seinem Denken widerzuspiegeln.

Verstand (Intellekt) ist das Vermögen des Menschen, die objektive Realität vermittels geistiger Fähigkeiten in Form abstrakter Begriffe, Aussagen, Theorien usw. darzulegen und mit Begriffen zu operieren.

Über die Wahrheit

Platon und andere fragen nach dem, was „ewig wahr“, „ewig gut“ und „ewig schön“ ist. Sie fragen nach dem, was unabhängig von dem, was Menschen oder die Gesellschaft als wahr, bzw. Wahrheit ansehen, als Maßstab bleibt und ewig gültig ist. Diese Wahrheit finden sie in der Idee“ der Wahrheit. Für Platon sind diese Ideen die eigentliche Realität.

Von diesem Ansatz her ist Wahrheit nicht in der Weise zu definieren wie ein gleichseitiges Dreieck oder ein Tisch. Ideen, also auch die Idee „Wahrheit“, können nur innerlich „geschaut“ werden. Was unter Wahrheit zu verstehen ist, hängt somit von der „Anschauung“ ab, demnach auch von der „Weltanschauung“, vom theoretischen Ansatz, von der Gesellschaftsordnung und somit von der jeweiligen philosophischen Einstellung, aber auch von der religiösen.

Im religiösen Bereich finden wir, in Anbetracht des Unvermögens, Wahrheit definieren zu können, die Ansicht, die letzte Wahrheit liege bei Gott, sei also unfassbar für uns. Darin eingeschlossen ist die Frage nach dem, was wir als „Gott“ benennen.

Menschen, gleich in welcher Epoche sie auch leben mögen, stoßen immer an Grenzen, die sie nicht überwinden können, weil ihre Kräfte nicht ausreichen. Sie fühlen sich nicht mächtig genug, um alle Dinge nach ihren Wünschen und Bedürfnissen gestalten zu können. Immer gibt es Kräfte, Mächte, die stärker sind als sie selbst. Auf Grund des Erlebnisses der eigenen Grenzen sehnen sich die Menschen nach Kräften, die größere Macht haben als sie selbst und denen sie glauben vertrauen zu können und von denen sie Beistand und Hilfe erwarten. Daher erdenken sie sich „Figuren“, „Gebilde“ die das könnten, bewirken und/oder sie bei ihrem Vorhaben unterstützen könnten. Sie glauben, dass es so sei. Diese Figuren sind naive Vorstellungen oder auch geistige Konstrukte, die sich die Menschen von dem „Übermächtigen“ machen. Dies Übermächtige wird mangels anderer Möglichkeiten „Gott“, „Allah“ oder anders benannt. Manche Völker, bzw. Religionen haben das „Übermächtige“ in Zuständigkeitsbereiche, ähnlich den Ministerien in einer Regierung, aufgeteilt und auf verschiedene „Gottheiten“ verteilt, weil man sich das Übermächtige nicht anders vorstellen kann. Diesem(n) Übermächtigen werden nun alle Attribute zugesprochen, die idealen Charakter haben, also Allmacht, Allwissenheit, usw. unter anderem auch das ewig Wahre, Gute, Schöne. Das Wahre oder die Wahrheit erhält damit auch eine moralische Qualität.

Der Mensch schafft sich auf diese Weise seine Vorstellung vom Übermächtigen, idealisiert menschliche Eigenschaften des „Guten“ aber auch des „Bösen“. Das bedeutet, nicht ein Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, sondern der Mensch schuf seinen Gott oder seine Gottheiten nach seinem idealisierten Bilde.

Diese Bilder sind an sich nur gedankliche Konstrukte und als solche irreal. Weil aber der Mensch daran glaubt, sind sie für ihn, sofern er daran glaubt, real, wirklich, denn sie haben Wirkung, eben deshalb, weil man daran glaubt. Dieser Glaube beeinflusst Handlungen und bestimmt somit die Realität und auch die Verhaltensweisen, z.B. Kirchenbesuch, Wallfahrten, Erziehung, Politik (Kreuzzüge, Islam, Gottesstaat). Erscheinungen, die dieser „Wirkung“ entgegenkommen, werden dann als Bestätigung des Geglaubten angesehen (Wunder etc.).

Das Geglaubte wird nun als „wahr“ angesehen, weil es sich anscheinend „bewährt“ hat. Das gilt nicht nur für das religiös Geglaubte, sondern allgemein. Etwas (Sachverhalte, Dinge, Vorgestelltes, politsische Ansichten usw.) wird als wahr angesehen, weil es sich bewährt hat. Das wäre ein Ansatzpunkt für „Wahrheit“. Das hilft uns aber wenig, wenn wir an die real existierende Gesellschaft denken.

Unabhängig davon wollen wir deshalb „praktisch“ an die Wahrheit herangehen.

Ausgangspunkt seien die Naturwissenschaften. Bis zur Neuzeit sah man als Ziel ihrer Arbeiten an, die Wahrheit über Naturvorgänge auf -zudecken. Heute ist man sich klar darüber, dass Naturwissenschaften nur das Vorgefundene beschreiben und ordnen, so dass es für den Menschen einsichtig wird. Die Mathematik ist in diesem Zusammenhang nur eine Methode der Beschreibung, keine Erklärung der Natur. Die Physik z.B. fragt nicht nach dem „Warum“ (ein Stein fällt), sondern wie (fällt er), nach welcher Gesetzmäßigkeit (Fallgesetze) laufen die Vorgänge ab. Die gefundenen Gesetzmäßigkeiten und Theorien haben nur so lange Gültigkeit, bis sie falsifiziert worden sind und Naturerscheinungen entdeckt werden, die mit der alten Theorie nicht zu erfassen sind. Dies zwingt dazu, neue Theorien zu entwickeln und sie auf ihre Gültigkeit hin zu prüfen. Das geht so weiter, bis wieder neue Theorien erforderlich sind. Die „Wahrheit“ ist das nicht. Sie wird auch nicht erstrebt, sondern nur eine exakte Beschreibung.

(Über die „Genauigkeit“ der Physiker wird folgendes erzählt: Fährt ein Physiker im Herbst mit dem Zug von Hamburg nach Hannover durch die Lüneburger Heide. Bei der Ankunft wird er gefragt: „Waren die Schafe in der Heide schon geschoren?“ Seine Antwort: „Das weiß ich nicht. Aber auf einer Seite der Schafe, die ich gesehen habe, waren sie geschoren!“)

Wie steht es mit der Mathematik? Mathematik befasst sich nicht mit realen Dingen, sondern mit Abstraktem, Gedachtem. Es gibt nicht „X“, „2“ oder „3“, sondern nur einen Apfel, zwei Birnen usw. Deshalb hat es auch lange gedauert, bis Menschen mit der „0“ rechnen lernten oder mit negativen Zahlen. Ein Punkt ist in der Realität immer etwas Körperliches. Ein Dreieck ist immer etwas mathematisch Gedachtes, Vorgestelltes. Die Sätze der euklidischen Geometrie gelten nur für die Ebene. Aber wo finden wir eine solche „ebene Ebene“. Gehen wir in die Sphärik, dann gelten die Gesetze der Ebene nicht mehr. Trotzdem sind die Sätze der Mathematik wahr, und es gilt „einmal bewiesen, immer bewiesen“.

Diese „Wahrheiten“ gelten deshalb, weil die Voraussetzungen Abstrakta sind, entsprungen dem menschlichen Denken. Ändere ich die Voraussetzungen, dann ändern sich die „Wahrheiten“.

Mathematik geht von erfahrungsunabhängigen Annahmen aus. Sie hat also mit „Wahrheit“ nichts zu tun, sondern mit Logik. Werden die Annahmen geändert, dann ändern sich auch die Ergebnisse.

Logik ist eine erkenntnistheoretische Disziplin. Sie gibt Kriterien oder entwickelt sie, nach denen formal richtige Aussagen von formal unrichtigen (falschen) Aussagen zu unterscheiden sind. Sie stellt die Bedingungen und Voraussetzungen für richtiges Denken fest bzw. legt dar, wie man zu formal richtigen Ergebnissen gelangt.

In der Logik gibt es nur ein wahr oder falsch. Wahr können wir auch als richtig, zutreffend lesen; falsch als unrichtig, unwahr, gelogen, irrig usw.

Das Gericht will bei einem Strafprozess die Wahrheit ermitteln. Es will also klären, in welcher Weise die Tat tatsächlich abgelaufen ist. Zeugen werden zur Wahrheit ermahnt. Wahrheit kann deshalb auch so gefasst werden: Wahrheit ist die Übereinstimmung von Sache und Aussage in welcher Form auch immer. Das wird allgemein anerkannt. Ein Gericht soll die Wahrheit finden. Erst danach wird die Tat beurteilt nach den geltenden Gesetzen. Ob das Urteil tatsächlich gerecht ist, ist fraglich, denn was ist „Gerechtigkeit“? Es heißt selbst bei Juristen: „Du kannst vom Gericht keine Gerechtigkeit verlangen, sondern nur ein Urteil.“ Das Gericht ist bezüglich der Wahrheit viel vorsichtiger. Im Urteil heißt es, „… das Gericht sieht als erwiesen an, dass …“, „dieses Gericht ist zu der Ansicht gekommen, dass der ermittelte Sachverhalt so oder so wahr gewesen ist…“, das heißt, Wahrheit ist Ansichtssache, Sache der Sichtweise.

Allgemein bedeutet das, dass die eigene Ansicht, sprich das eigene Weltbild, maßgebend ist für das, was Wahrheit ist bzw. als solche angesehen wird.

Wahrheit haftet nicht an Gegenständen. Eine Kugel ist per Definition rund, aber nicht wahr. Wahr bezieht sich auf Aussagen, also auf das Verhältnis des Menschen zu Sachen oder Sachverhalten.

Der Mensch sagt, denkt, etwas sei wahr. Die Logik untersucht nicht, ob etwas an sich wahr ist, sondern verknüpft Aussagen und kommt dann nach Gesetzen der Logik zum Ergebnis, ob diese Verknüpfungen wahr oder falsch sind. Statt wahr können wir auch sagen „richtig“ und statt falsch unrichtig, irrig, unsinnig, „gelogen“. In der Logik gibt es nur ein Wahr oder Falsch. Dazwischen gibt es nichts.

Was im realen Leben als wahr angesehen wird, hängt auch von der Wahrnehmung ab. Denken wir nur an die unterschiedlichen Aussagen von Zeugen über einen Unfall. Die Zeugen haben etwas gesehen. In ihrer Erinnerung ergibt sich ein Bild, von dem sie glauben oder gar überzeugt sind, dass das Ereignis so oder so geschehen ist. Sie lügen nicht, nur das von ihnen Erinnerte ist gefärbt durch Emotionen, Erschrecken usw. Dadurch wird ihre Aussage beeinflusst. Andere Zeugen sagen etwas anderes. Die Aussagen sind vielleicht subjektiv wahr, aber objektiv?

Deshalb sind Kriterien für die Wahrheit notwendig. Soweit ich sehe, haben wir keine als gültig und tragfähig anzusehenden. Manchmal ist die Wahrheit als solche sofort einsichtig, oft aber tappen wir im Dunkeln. Wenn ein Tisch im Zimmer steht, ist die Aussage „ein Tisch steht im Zimmer“ offensichtlich wahr. Die Aussage ist wahr, aber nicht der Tisch.

Ein Beispiel dafür, wie Aussagen und Wahrnehmungen zusammenhängen: Jeder Mensch, sofern er nicht durch die Physik eines anderen belehrt worden ist, wird sagen: Die Sonne und die Gestirne umkreisen die Erde. Die Erde steht still. Er und andere werden diese Aussage als wahr ansehen, weil sie anscheinend der Wirklichkeit entspricht. Diese Sichtweise entsprach der damaligen Weltsicht, gestützt durch die Kirche. Sie können gar nicht anders, weil für sie nichts anderes vorstellbar ist. Erst langsam kamen einige auf den Gedanken, dass das nicht stimmen könnte (z.B. Kopernikus, Galilei). Heute wissen wir es besser, aber diese Wahrheit ist nicht anschaulich. So kommt es, dass es heute immer noch heißt „Guter Mond, du gehst so stille“. Es ist halt viel romantischer. So ist es mit der Wahrheit.

In den Beziehungen zwischen Menschen spielt Wahrheit, und damit verbunden Vertrauen, eine große Rolle. Aber nicht immer vertragen Menschen, dass man ihnen die Wahrheit sagt, weil diese oft hart und brutal sein kann. Hier gilt dann: „Die Wahrheit kannst du mir immer sagen. Du brauchst sie aber mir nicht um die Ohren zu schlagen.“ Das ist auch Wahrheit oder besser Weisheit des Lebens. Was ist aber Weisheit? Wieder ein philosophisches Problem.

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