• Corona-Pandemie: Logenhaus bis auf Weiteres geschlossen

     

    Aufgrund der Vorsichtsmaßnahmen zur Ausbreitung des Coronavirus ist das Logenhaus Nürnberg bis auf Weiteres geschlossen.

     

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    Wieland Walther
    Meister vom Stuhl

     


Verleihung der Wertheimer-Schloß-Medaille 2019

von Br. René Wiedmann

Zum dritten Mal hat am 1. Dezember 2019 die Nürnberger Loge „Zur Wahrheit“ die Wertheimer-Schloß-Medaille verliehen, eine Auszeichnung benannt nach den beiden jüdischen Mitgliedern der Loge, Br. Moritz Wertheimer und Br. (Dr.) Siegfried Schloß, die in der Dunklen Zeit deportiert und im Konzentrationslager ermordet wurden (siehe Kasten).

Die Wertheimer-Schloß-Medaille

Die Wertheimer-Schloß-Medaille wurde von der Loge 2007 anlässlich ihres 100jährigen Bestehens ins Leben gerufen, um einerseits das Gedenken an die beiden ermordeten Brüder aufrecht zu erhalten, andererseits Menschen zu ehren, die sich im Sinne der beiden Brüder in besonderer Weise humanitär engagieren.

Dr. Charlotte Knobloch mit Verleihungsurkunde

Als Preisträgerin 2019 haben sich die Brüder der Loge für Dr. Charlotte Knobloch, Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde München, von 2006 bis 2010 auch Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, entschieden. Ausgezeichnet wurde das von der Kultusgemeinde ins Leben gerufene „Café Zelig“, mit dem 2016 ein Ort der Begegnung für die noch lebenden Shoa-Überlebenden geschaffen wurde. Mit dieser Einrichtung soll einer zunehmenden Vereinsamung dieser Überlebenden, von denen es alleine in München noch etwa 1.200 gibt und die oft seelisch und finanziell beeinträchtigt sind, entgegengewirkt werden. Die meisten von ihnen konnten oder wollten in den Jahrzehnten seitdem nicht über das Erlebte sprechen, im Alter entsteht bei vielen jedoch das Bedürfnis, über darüber sprechen zu wollen. Den Raum für Gespräche zu geben, dem will das „Café Zelig“ Rechnung tragen. Einmal pro Woche bietet es die Möglichkeit der Kommunikation, eine sozialpädagogische Fachkraft steht zur Unterstützung und Vermittlung von Hilfsangeboten zur Verfügung.

Die Medaille ist mit einer Geldspende verbunden, die dieses Mal aufgrund der Unterstützung durch das Freimaurerische Hilfswerk (FHW) und der Großloge deutlich höher ausfallen konnte, als in früheren Jahren. Der Preisträgerin konnte ein Scheck über 5.000 EUR überreicht werden. Geld, welches das „Café Zelig“ für seine Arbeit dringend benötigt.

MvSt. Br. Wieland Walther

Dass eine solche Preisverleihung auch im Bewusstsein des wieder ansteigenden Antisemitismus in der Gesellschaft und der spätestens mit den Ereignissen in Halle für jeden sichtbar gewordenen Bedrohungslage für hier lebende jüdische Menschen stattfindet, wurde schon bei der Begrüßung der Anwesenden durch den Meister vom Stuhl, Br. Wieland Walther, deutlich. In Erinnerung an die Aufforderung im Ritual „Wehret dem Unrecht, wo es sich zeigt!“, stellte er fest, dass wir über das „Wehret den Anfängen!“ längst hinaus sind, wenn jüdische Kinder in Schulen wieder verhöhnt werden und dies von Pädagogen hilflos als „hinzunehmen“ charakterisiert wird. Und wenn es wieder Menschen gibt, „die von nichts wissen, nichts gewusst haben, nichts sehen, nichts sehen wollen.“

Stadtrat Marcus König

Marcus König (CSU), der stellvertretend für den verhinderten Oberbürgermeister der Stadt Nürnberg das Grußwort der Stadt Nürnberg sprach und dessen Großvater, wie er verriet, Mitglied der ältesten Nürnberger Loge „Joseph zur Einigkeit“ gewesen ist, berichtete über nationalistische Töne, die es im Stadtrat wieder gäbe. Deshalb sei der Zusammenhalt wichtig. Im Hinblick auf die AfD sei es Zeit, aufzustehen und laut zu werden. „Aus unserer Stadt“, so König, „soll nur noch Frieden ausgehen, dafür kämpfen wir tagtäglich!“.

Zug. Großmeister Br. Hasso Henke

In seiner sehr persönlich geprägten Ansprache berichtete der zugordnete Großmeister, Br. Hasso Henke, über seine Kindheit in einem 3-Generationen-Haus, in dem seine Mutter bedauerte, dass es die „Kraft-Durch-Freude“-Urlaubsfahrten leider nicht mehr gäbe, seine Großmutter regelmäßig darauf hinwies, welcher im nun für alle verfügbaren Fernsehgerät sichtbare Moderator, Journalist oder Schauspieler ein Jude war, den man mitunter auch mal „wohl vergessen“ habe. Als Nazi, das habe er im Nachgang begriffen, werde man nicht geboren, sondern dazu gemacht.

Br. Henke forderte dazu auf, unserer Vergangenheit vorurteilslos entgegenzutreten; „Wenn Kultusminister, Lehrplangestalter oder Lehrer irgendwann in den vergangenen fast 75 Jahren seit Ende des Zweiten Weltkriegs den Mut und die Einsicht gehabt hätten, den 8. Mai 1945 nicht mehr länger als Tag der Niederlage zu bezeichnen oder gar anzusehen, sondern als Tag der Befreiung von der Herrschaft einer Diktatur, die einen Genozid nicht nur in Kauf nahm, sondern zum politischen Ziel hatte, dann wäre für jeden von uns Deutschen – Nachgeborene oder nicht – der Umgang mit Menschen jüdischen Glaubenssehr viel leichter gewesen.“ Die Menschen, welche die Shoa überlebt haben, so Hasso Henke, „und denen mit dem Café Zelig ein Treffpunkt und eine Stätte der Kommunikation angeboten werden, gehören zu den letzten Überlebenden dieses geplanten Völkermords. Sie sind vielleicht die Letzten, die noch Zeugnis ablegen können (…). Wir brauchen diese Menschen und ihr Zeugnis, um uns erinnern zu können. Erinnerung ist das einzige, womit wir die Opfer dieser mörderischen Zeit noch ehren können.“

Br. Andreas Hornig, Redner

Br. Andreas Hornig, Redner der Loge und – ebenso wie die beiden Namensgeber der Medaille Jurist, sprach in der Laudatio über seine Traurigkeit darüber, dass es bislang in unserem Land nicht gelungen sei, das unmenschliche Gedankengut der Nazis und mit ihnen den Rassismus und den Antisemitismus ein für alle Mal aus den Köpfen der Menschen zu vertreiben. Nicht durch Gewalt, sondern durch beste Bildung und Ausbildung und durch ein besonderes gelebtes Vorbild freier Menschen von gutem Ruf, ein Vorbild, das an allen Staatszielen unserer Verfassung ausgerichtet sei, die auch unsere freimaurerische Ziele sind: Freiheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Mitmenschlichkeit. „Als wir in den ersten Jahren dieses Jahrhunderts  unsere  Wertheimer-Schloß-Medaille erdachten als Preis für eine menschliche Tat, geschah dies zugleich, um der Opfer der Unmenschlichkeit in Gestalt unserer beiden Brüder zu gedenken und um dazu beizutragen, dass die beständige Mahnung wach bleibt: Nie wieder.“

Als eine „besondere Auszeichnung“ bezeichnete die Preisträgerin selbst die Medaille, die mit den Werten der beiden Namensgeber Wertheimer und Schloß verbunden sei. Sie sei sich bewusst, dass gerade diese Medaille nicht nur Auszeichnung, sondern auch Auftrag sei. Mit der Benennung der Medaille werde die Erinnerung an zwei Menschen wach gehalten, die treue Bürger Nürnbergs waren und dennoch ausgegrenzt, verfolgt, verschleppt und ermordet wurden. Jüdische Menschen wurden über Nacht zu Ausgestoßenen. Die Verfolgung ging zwar von den Nazis aus, so Knobloch, aber sie war stets auf die fehlende Gegenwehr der Gesellschaft angewiesen. Es habe nicht nur eine Machtübernahme gegeben, sondern die Regierten hätten der Regierung nicht ernsthaft Paroli geboten und sind untätig geblieben, als der Holocaust begann.

In Memoriam

Moritz Wertheimer
geb. 15.07.1884 in Bruchsal
seit 18.05.1944 verschollen im
KZ Auschwitz
Dr. Siegfried Schloß
geb. 03.03.1880 in Nürnberg,
ermordet am 08.03.1940 im
KZ Sachsenhausen

Stille herrschte, als Charlotte Knobloch die Anwesenden an ihrer Kindheitserinnerung teilhaben ließ, die brennende Synagoge in der Münchner Herzog-Straße betrachtend. An der Erinnerung an die Großmutter, die sich von ihr verabschiedete, vorgebend, auf Kur zu fahren. An der Erinnerung, dass sie überlebte, weil sie von einer fränkischen Bauernfamilie aufgenommen und als ihr uneheliches Kind ausgegeben wurde. Die Bauernfamilie, die nicht so gehandelt hat, wie es bequem gewesen wäre, sondern weil es das Richtige war. Dieser Anstand sei es gewesen, so Charlotte Knobloch, der Deutschland nach 1945 wieder aufleben ließ. Es gelte, nicht wegzusehen, wenn Unrecht geschieht. Die Angriffe, die es heute wieder gibt, seien beschämend, es handle sich um Angriffe auf das demokratische Fundament, eine Entfernung vom demokratischen Nachkriegsfundament. Es brauche mehr als die Stimmen der jüdischen Gemeinschaft, nötig sei ein Aufschrei der gesamten Gesellschaft, die sich gegen ihre Feinde zur Wehr setzen muss.

Die Loge „Zur Wahrheit“ bezeichnete Charlotte Knobloch als beispielgebend. Auch ihr Vater, so gab sie preis, sei Mitglied einer Freimaurerloge gewesen. Die mit der Medaille verbundene Geldzuwendung an das „Café Zelig“ sei ein richtiges Signal.

Musikalisch umrahmt wurde die Preisverleihung durch Br. Christoph von Weitzel (Bariton) und Br. Manuel Quesada (Flügel).

Br. Christoph Weitzel (Bariton), Br. Manuel Quesada (am Flügel)

Zu einem besonderen Ereignis wurde die Preisverleihung nicht zuletzt auch dadurch, dass Nachfahren der Brüder Wertheimer und Schloß, Enkel und Urenkel, der Veranstaltung beiwohnten und hierfür extra aus Großbritannien, den USA und Israel nach Nürnberg angereist waren. Alleine dies wird den Tag für die Brüder in Nürnberg unvergessen machen.

Fotos: Br. Kurt O. Wörl

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