Das Grundlegende in der Freimaurerei

Prof. Dr. Eberhard Barth+, im Oktober 1989

ZZZ_SanduhrDie Ansichten über Freimaurerei sind unterschiedlich. Einige meinen, es gäbe keine Freimaurerei. Wenn man die geistigen Gehalte meine, so könne nur von einem Freimaurertum gesprochen werden.

Andere sind der Ansicht, von einer Freimaurerei im heutigen Verständnis könne man erst seit 1717 sprechen, – und wenn diese Zeit und die Gedanken der Aufklärung richtig dazu in Beziehung gesetzt würden, könne man die “Idee einer Ur-Freimaurerei” herausarbeiten.

Wieder andere glauben, Grundvorstellungen freimaurerischen Denkens in der Frühzeit menschlicher Kulturen zu entdecken und folgern daraus, dass wir Freimaurer geheimes Wissen aus alten Kulturen bewahren. Verständigungsschwierigkeiten gibt es auch deshalb, weil weder der Begriff “Loge” noch der Name “Freimaurer” gesetzlich geschützt sind, so dass sich jeder Freimaurer und jeder Verein Loge nennen kann. Missbrauch ist also nicht ausgeschlossen.

Über das Grundlegende in der Freimaurerei zu sprechen ist schwierig, weil Freimaurerei keine Sache ist, wie z.B. eine Tischlerei oder eine Schlosserei. Außerdem sind mir keine Definitionen von Freimaurerei bekannt, an die ich hätte themengerecht anknüpfen können, sondern nur Umschreibungen, die versuchen, das Wesen der Freimaurerei für Nichtfreimaurer fassbar zu machen. Freimaurerei ist eine geistige Bewegung, eine Lebensanschauung, die ihren Ausdruck in einem besonderen Selbstverständnis, in einen besonderen sozialen Verhalten und in einem dies alles tragenden Weltverständnis findet.

Schon aus diesen einleitenden Worten merken Sie, dass es mir um mehr geht als um eine Analyse freimaurerischer Tugenden, wie Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität oder die Darstellung freimaurerischer Organisationsformen und den dazugehörigen Satzungen, aus denen man natürlich auch grundsätzliches ableiten kann.

Mir geht es um eine Theorie der Freimaurerei. Durch mein Bemühen um Grundlegendes hoffe ich geeignete Bausteine zu finden und damit einen Beitrag für eine solche Theorie zu leisten.

I.
Nun wollen wir versuchen, den ersten Blick auf das Fundamentale zu werfen. Die Freimaurerlogen leiten sich aus den mittelalterlichen Bauhütten, Lodges genannt, ab. Sie waren Zusammenschlüsse von Mönchen und Handwerkern, die als Fachleute im Bauen sich zu Bruderschaften zusammen geschlossen hatten, um sakrale Bauten zu errichten. Diese Baubruderschaften arbeiteten orts- und länderübergreifend. Sie waren sich ihrer besonderen Stellung bewusst und hüteten ihre Sachkenntnisse verständlicherweise wie ein Geheimnis. Die Bauleute bildeten eine Vereinigung, zu der nur derjenige Zutritt hatte, der eine ordentliche Lehrzeit absolviert hatte und sich durch Zeichen, Kennworte und Handgriffe ausweisen konnte.

Diese Bauhütten gaben sich eine Ordnung, in der nicht nur Organisation, Gerichtsbarkeit und Baubetrieb geregelt waren. Sie enthielt auch Vorschriften über moralisches Verhalten der Baubrüder untereinander und über das Verhalten zu Fremden. Sie forderte außerdem Hilfe in Notfällen und Unterstützung der Mitglieder und deren Angehörigen. Hier finden wir das Modell einer umfassenden und gelebten Bruderschaft.

Die gleiche Ide liegt auch unseren Bauhütte heute zugrunde. Sie ist für uns ein Eckpfeiler. Bruderschaft in einer Loge ist anzusiedeln zwischen guter Bekanntschaft und Freundschaft. Sie ist auf alle Fälle mehr als eine unverbindliche Bekanntschaft oder das, was Sanges-, Kegel- oder Schützenbrüder miteinander verbindet. Bruderschaft basiert auf Zuwendung, Treue, Verlässlichkeit, Hilfsbereitschaft und Verschwiegenheit.

Bauhütten finden ihren Sinn in der Tätigkeit des Bauens nach konstruktiven Leitvorstellungen. Bauten die Baumeister des Mittelalters Sakralbauten zur Ehre Gottes, so bauen die Freimaurer ideell an einem Bau, den sie “Tempel der Menschlichkeit”, der “Humanität” nennen oder traditionsgemäß den “Tempel Salomonis”.

Diese Bautätigkeit ist Symbol für Bildung des Menschen, für das Emporbilden des Menschen zu einem edleren Menschentum, zur geistigen Vertiefung und moralischen Ausrichtung mit dem Ziel, den Zustand der Menschheit und den der menschlichen Gesellschaft zu verbessern (geistig, sozial, politisch, ethisch). Arbeitsfeld ist einmal die eigene Person, der raue Stein, der behauen werden soll, um sich in den Bau besser einfügen zu können. Mit anderen Worten, die individuelle Entwicklung soll gefördert werden. Das andere Arbeitsfeld ist die menschliche Gesellschaft, in der die Freimaurerei hineinwirken soll kraft seiner eigenen Persönlichkeit, kraft seiner Möglichkeiten im Rahmen seines beruflichen und gesellschaftlichen Tuns.

Hinter dieser Bautätigkeit am Tempel der Humanität stehen folgende Auffassungen:

  1. Der Mensch ist erziehbar, bildungsfähig, er kann so aus sich selbst heraus in einen Zustand gebracht werden, der geistig und sittlich höher zu bewerten ist als derjenige, den Zustand, er vorher inne hatte.
  2. Wenn ein edler oder veredelter Mensch beruflich und gesellschaftlich sich als Mensch betätigt, wird auch sein Umfeld verbessert und veredelt.
  3. Der Menschheit ist vorgegeben, sich von dem Zustand der Bestialität zu einem Zustand der Humanität zu entwickeln.

II.
Wurden in den mittelalterlichen Bauhütten sakrale Bauwerke, Kathedralen zur Ehre Gottes gebaut, so bauen die Freimaurer am Tempel der Menschlichkeit nicht Gottes wegen, sondern der Menschheit wegen. Freimaurerei ist damit diesseits orientiert und nicht jenseitig. Diese Diesseitigkeit und der falsche Verdacht, wir seien eine Religionsgemeinschaft, also Konkurrenz, hat uns in den Gegensatz zu Kirchen gebracht, insbesondere zur kath. Kirche, zumal wir darüberhinaus von einem ABaW (“Allmächtigen Baumeister aller Welten”) oder GBaW (“Großer Baumeister aller Welten”) als obersten Baumeister sprechen. Viele glauben, der GBaW sei ein synonym für Gott im kirchlichen Sinne, also ein persönlicher Gott. Der GBaW ist aber für uns nur ein Symbol (Wortsymbol) für ein hypothetisch angenommenes, universales Prinzip, das im Weltganzen wirksam zu sein scheint.

Dies Symbol “Baumeister” ist nur in Analogie zur realen Bauhütte, in der es einen obersten Baumeister gab, der die Gesamtleitung hatte, zu verstehen. Wie sich der einzelne diesen Baumeister vorstellt, ob als Gott im Sinne seines Glaubens oder in anderer Weise, z.B. als Prinzip (oder überhaupt nicht), ist jedem selbst überlassen.

Kirchen, besonders die kath. Kirche, aber auch der Islam, stoßen sich an diesem Begriff und meinen, wir sprächen von Gott, sähen ihn aber weltlich verkürzt. Nach ihrer Auffassung gehört zum Gottesbegriff die Offenbarung, die Erlösung und eine Verheißung, wie sie die Kirchen lehren. Dem können wir zustimmen. Aber wir lehren keine Religion, sind auch keine Sekte und keine Kirche, die ihre Gläubigen an ein Dogma bindet.

Zwar haben wir einen Tempel, in welchem wir feierliche Zusammenkünfte haben und uns anrühren lassen. Aber wer uns auf einen religiös gebundenen Gottesbegriff festlegen will, verkennt uns völlig. Wir sind auf das Diesseits gerichtet und nicht auf ein Paradies im Jenseits. Aus diesem Grunde ist Freimaurerei mit jeder Religion und jedem Glauben vereinbar. Wir machen niemandem Vorschriften darüber, was er zu glauben hat. Wir tolerieren jegliche Religion, die nicht im Gegensatz zur Idee der Menschlichkeit steht. Insofern gibt es von unserer Seite her keine Schwierigkeiten mit den Kirchen. Die Probleme entstehen nur für die Kirchen dann, wenn sie sich mit der grundlegenden Idee der Glaubensfreiheit nicht abfinden können. Gleiches gilt übrigens auch für politische Gesellschaften, die ihre Ansichten als absolutes Dogma vertreten.

Als im Laufe des 17. Jahrhunderts sich die Werkmaurerei in eine spekulative wandelte – man baute nicht mehr Kathedralen, sondern ideell am Tempel der Menschheit –, wurden die Werkzeuge der Maurer und Steinmetze zu Symbolen für diese geistige Tätigkeit: so der Rechte Winkel, der Zirkel, das Senkblei, die Setzwaage, der Maßstab, die Kelle, das Reißbrett.

Sie gewannen über die praktische Verwendung eine symbolische Bedeutung als Werkzeug geistigen Arbeitens, des Arbeitens an sich selbst, an der Gemeinschaft, am Weltganzen.

III.
In dem Maße wie die Freimaurerei spekulativ wurde, sich auf die geistige Arbeit ausrichtete, wurde sie durch die geistigen Strömungen ihrer Zeit beeinflusst. Da wäre zunächst der Rationalismus (Erkenntnisse durch das Denken, Vorherrschaft der Vernunft, die im Gegensatz zu den Einsichten des Glaubens stehen); dann die Aufklärung (das Hineintragen der durch Ratio und Empirie gewonnenen Erkenntnisse in die menschliche Gesellschaft).

Aufklärung hat immer eine pädagogische Absicht, die sich auf die menschliche Gesellschaft auswirken soll, geistig, sozial, politisch. Aufklärung will den Menschen, die Menschheit erleuchten. Aufklärung bringt immer Ärgernis:

“Wer die Welt erleuchten will, macht ihren Dreck deutlicher.”

Freimaurer haben Aufklärung mit getragen. Somit waren Ärgernisse vorprogrammiert (Verbote, Verfolgungen).

Mit der Vorgabe, am Tempel der Humanität zu bauen, musste sich die Freimaurerei mit dem Begriff Menschlichkeit als Wert auseinandersetzen und mit dem Verhältnis der Menschen untereinander. Wurden die Verhaltensregeln, Verhaltensnormen bislang aus dem religiösen Glauben abgeleitet (10 Gebote, goldene Regel), so musste das sittliche Verhalten und das politische Leben nunmehr aus der Vernunft begründet werden.

Wer vorgibt, am Tempel der Menschlichkeit zu arbeiten, muss sich auch sittlich verhalten. Nichtsittliches Verhalten und Menschlichkeit ist ein Widerspruch in sich.

Daraus ergibt sich folgerichtig: Jeder, der sich Freimaurer nennt, ist der Einhaltung der Gebote, der Gesetze, der Regeln, des Sittlichen verpflichtet. Grundsätzlich: Sittliches Streben ist Zentrum freimaurerischen Verhaltens.

Die Schwierigkeit besteht nur darin, jeweils festzulegen, bzw. zu wissen, was sittlich geboten ist und dann danach auch zu handeln. In diesem Zusammenhang wird gerne der Kategorische Imperativ von Kant zitiert und als Richtschnur angesehen:

„Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.”

Leider lässt sich dieser Imperativ nicht in Paragrafen und Gebrauchsanweisungen umsetzen, die man nachschlagen kann. Vielmehr muss jeder selbst entscheiden, was er tun soll; und die Situationen sind im Leben jeweils unterschiedlich. Die Frage bleibt immer, was ist in der vorgefundenen Lage die richtig Entscheidung, was ist das richtige Verhalten. Welches sind für mich die obersten Werte. Darum ist derjenige, der sich und sein Verhalten einem Sittengesetz unterordnet, immer auf der Suche nach der Wahrheit, nach Erkenntnis, nach Erleuchtung oder wie wir sagen, nach dem Licht. Das bedeutet: Sensibilisierung des Gewissens.

Die Freimaurerei begründet ihre Ethik aus Vernunft, nicht aus einer göttlichen Satzung. Was ein Freimaurer tut, muss er vor sich selbst, vor seinem Gewissen verantworten, nicht vor einer als göttlich angesehenen Instanz. Das bringt Probleme für den einzelnen, mit sich selbst, mit der Gesellschaft und auch mit kirchlichen Anschauungen (Verkürzung der Ethik).

Freiheit des Geistes, Freiheit des Glaubens

Wenn der Mensch als vernunftbegabtes Wesen angesehen wird und der Vernunft Priorität einräumt, dann muss er notwendigerweise für die Freiheit des Geistes und damit für die Freiheit des Glaubens eintreten. Die Freiheit des Geistes wurde notwendig in dem Augenblick, als der Mensch begann, sich aus dogmatischer Enge zu befreien und überlieferte Darstellungen und Anschauungen in Frage zu stellen. Durch den Gebrauch seines Denkvermögens wurde sich der Mensch seiner selbst als eigenständiges Wesen, aber auch seiner Einsamkeit bewusst.

Unter Freiheit des Geistes fällt auch Freiheit von Vorurteilen, d.h., frei sein im Fühlen, Wollen, in der Fantasie.

Geistesfreiheit heißt auch

  • offen sein für neue Ideen, für ungewohnte Vorstellungen,
  • bedeutet, nach neuen Wegen zu suchen,
  • Dinge von einem anderen Standpunkt her sehen und verstehen zu können,
  • bedeutet, Zweifel zu haben an der Gültigkeit von Aussagen und
  • bedeutet auch Auflehnung gegen das Hergebrachte, wenn es verkrustet oder wenn es uns in Fesseln schlagen will.

Meinungsfreiheit

Mit der Geistesfreiheit hängt auch der Gedanke der Meinungsfreiheit zusammen. Sich die Meinung eines anderen anzuhören und sie des Beachtens zu würdigen, geht von der Voraussetzung aus, dass hier jemand von seiner Freiheit des Geistes Gebrauch gemacht hat bei der Entwicklung seiner Anschauung ,von den Dingen, über die er spricht. Aber wenn dem so ist, so muss ich auch verlangen, dass der Betreffende seine Meinung vernünftig und einsichtig begründen kann und nicht bloß so daherredet. In diese Überlegungen gehört auch der Begriff der Toleranz.

Toleranz, eine wichtige freimaurerische Tugend, ist ja ursprünglich nur zu verstehen im Bezug auf den Glauben, der von anderen hingenommen, respektiert und in dieser Weise “geduldet”, “ertragen” wird. Er bedeutet nicht, alles und jedes hinzunehmen (z.B. rüpelhaftes Benehmen usw.). Toleranz kann auch aus dem Gedanken entspringen, dass der andere doch recht haben könne und ich mich irre.

Tolerant kann ich aber nur sein, wenn ich den anderen als gleichwertig ansehe, mir gegenüber als gleich betrachte. Gleichwertig bedeutet nicht in jeder Hinsicht gleich zu sein. Die körperlichen, seelischen und geistigen Unterschiede, die Unterschiede, die durch den Lebenslauf, durch Erziehung, Entwicklung und persönliches Schicksal bedingt sind, sind nicht zu leugnen und zu übersehen. Gemeint ist die moralische und politische Gleichheit, die innere Gleichwertigkeit als Mensch, sowohl als Person, als auch in dem Anspruch auf Lebensqualität.

Aus dem Geist des Rationalismus und der Aufklärung heraus ist für die Freimaurerei grundlegend:

  1. Unbedingte Bindung an ein verpflichtetes Sittengesetz (Symbol ist das “Buch des heiligen Gesetzes” – Bibel – als ethisches Dokument, nicht als Dogma).
  2. Die Freiheit des Geistes und damit die Glaubensfreiheit.
  3. Die Gleichwertigkeit aller Menschen und, in Verbindung mit der Geistesfreiheit, die Meinungsfreiheit.
  4. Die Toleranz jedem gegenüber, soweit sie sich mit der Freiheit des Geistes und der Gleichwertigkeit vereinbaren lässt.

Ins Politische gewendet kommen wir auf die Losung der Französischen Revolution

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.

Da Freimaurerei auf das Diesseits, also auf die real existierende Menschheit ausgerichtet ist, kann sich die Freimaurerei prinzipiell nicht in einen Elfenbeinturm zurückziehen, sondern muss praktisch werden. Sie darf sich nicht allein auf die Reflexion beschränken, sondern muss sich ihrer gesellschaftlichen und damit politischen, caritativen und erzieherischen Dimension ihrer Ziele, “am Tempel der Menschlichkeit bauen”, bewusst sein und in diesem Sinne gestaltend tätig werden.

IV.
Haben wir bisher das Grundlegende aus der Bauhüttentradition und dem Umdenken im Rationalismus und in der Aufklärung herausgearbeitet, so wenden wir uns jetzt der psychisch-mentalen Dimension der menschlichen Natur zu.

Die psychisch-mentale Dimension der menschlichen Natur

Wir Menschen der Neuzeit sind stolz auf Erfolge in Wissenschaft und Technik, die wir aufgrund rationalen Denkens erreicht haben. Wir haben trotz des Erreichten das Gefühl, dass bei allen Erfolgen irgendwie das Menschliche, der Mensch, zu kurz kommt. Wir ahnen, dass es noch für uns etwas anderes gibt als das, was wir mit unserem Erkenntnisvermögen erfassen können. “Wo die Logik endet, beginnt das Unbegreifliche…”. Zum anderen wird sich der Mensch bewusst, dass er nicht nur aus Verstand heraus wirkt, sondern dass das, was wir Gefühl, Emotionales nennen im starken Maße unser Leben mitbestimmt.

Für uns wesentliche Entscheidungen werden nicht durch kühles, rationales Denken gefällt, sondern durch das Gefühl, durch Erlebnisse, die das Gemüt ansprechen, durch Intuitionen. Diese reichen bis in die Tiefe unseres Seins. Rationale Begründungen für emotionales Verhalten schieben wir nur nach. Erst wenn diese emotionale Komponente befriedigt wird, fühlen wir uns als Mensch voll erfasst und bestätigt.

Je mehr auf der einen Seite das Rationale betont wird, umso näher liegt das Bedürfnis, das Fehlende in dem Bereich des Gefühls zu suchen, im für den Verstand Unbegreiflichen. So in der strengen Wissenschaft, so auch in der Freimaurerei.

Die Ration kann fragen: “Welches ist die Bestimmung des Menschen; was ist der Sinn menschlichen Daseins; was ist das Leben; was ist der Tod?” Aber sie kann die Fragen nicht schlüssig beantworten. Die Menschen haben aber immer diese Fragen gestellt und versucht, Antworten darauf zu finden.

Die Freimaurer haben folgende Grundeinstellung gefunden:

Der Mensch, d.h. jeder einzelne von uns, ist Teil eines Ganzen, eines Umgreifenden, eines Weltganzen, das geordnet ist, eine Ordnung, die wir Kosmos – das Geordnete – nennen.

Wir leben in dem Bewusstsein, in diesem Kosmos eingebunden zu sein. Wenn wir eines Tages unsere irdischen Werkzeuge aus der Hand legen, nimmt uns dieser Kosmos unverlierbar auf in Formen, die wir nicht ahnen können. Diese kosmische Gebundenheit schließt das Wissen um den Tod mit ein in der Weise, dass wir sterben, damit Neues werden kann. Dies Wissen um den Tod und der symbolische Umgang mit ihm prägt die uns eigene Lebenshaltung.

Mit dieser Grundeinstellung haben wir Position bezogen, denn in dieser verrationalisierten und materialistischen Weltauffassung gibt es kein Umgreifendes, kein Transzendentes, – und der Tod ist das Ende.

Über dies Transzendente können wir nur bedingt Aussagen machen, nur soweit unsere Begriffe und unser Erkenntnisvermögen reichen. Wir können uns nur offenhalten für Zeichen, Chiffren, die auf uns kommen und die uns vielleicht etwas über das Umgreifende ahnen lassen.

Als grundlegend kann auch die These angesehen werden, wir seien heute trotz Kirchen, Verwendung von Naturkräften und Wissenschaft dem Transzendenten, dem Wesen des Kosmos weiter entfernt als das Altertum. Wenn dem so ist, erscheint es sinnvoll, die Vorstellungen, wie sie uns verschlüsselt in alten Hochkulturen begegnen, wieder aufzunehmen und ins uns lebendig zu machen. Es hat nämlich den Anschein, als ob die Alten weiser gewesen seinen als wir, zumindest aber unmittelbarer in ihrer Weltsicht. Diese alten Kulturen sprechen zu uns in Mythen, Legenden, Mysterien und Symbolen, die wohl an der Grenze menschlicher Einsicht zum Umgreifenden angesiedelt sind.

Symbole wurden in feierlichen rituellen Handlungen eingesetzt, um die Menschen für bestimmte Einsichten aufzuschließen (einzuweihen), für Vorstellungen, die im magisch-mystischen Denken wurzeln und in den Bereich des Esoterischen gehören. Für uns ist der Tempel Symbol des Transzendenten, des Kosmos, des prinzipiell Wohlgeordneten. In ihm ist Harmonie, Schönheit, Stärke und Weisheit ausgedrückt. Indem wir seelisch gesammelt in den Tempel eintreten, werden wir – mehr oder minder innerlich bewusst – Teil dieser symbolischen, kosmischen Ordnung, die uns umgreift. Wir fügen uns ein in diese Ordnung.

Um diese Feier im Tempel aus dem Alltag herauszuheben, tragen wir eine feierliche Kleidung und stellen uns auf die Feier, die wir Tempelarbeit (TA) nennen, innerlich ein. Wir lösen uns damit vom alltäglichen Leben.

Die Feier beginnt, indem wir in den abgedunkelten Tempel geführt werden und unsere Plätze einnehmen. Der Meister vom Stuhl (MvSt) überprüft in Frage und Antwort die rituell vorgegebene Ordnung, dann werden die Kerzen entzündet und damit die Loge real und symbolisch erleuchtet. Jeder soll sehen, d.h., jedem soll bewusst werden, dass er nun in das Weltganze symbolisch eingebunden ist. Der MvSt leitet nun die Feierstunde ein und vollzieht mit den Mitgliedern zusammen, was Anliegen der Zusammenkunft ist (Aufnahme, Beförderung, Trauerfeier, Stiftungsfest, Johannisfest).

Der Redner hält einen dem Anlass gemäßen Vortrag. Danach erfolgen allgemeine Regularien. Danach werden die Lichter dem Ritual entsprechend gelöscht und die Brüder verlassen, nachdem sie die Kette, das Symbol der inneren Verbundenheit, gebildet haben, den Tempel. – Die profane Welt hat uns wieder.

Bei dieser Feierstunde haben Symbole, meist Werkzeuge aus den Bauhütten, aber auch andere, aus alten Kulturen entlehnte, ihre Bedeutung. Sie verweisen auf persönliches Verhalten, auf die mitmenschlichen Beziehungen, auf das Umgreifende, Transzendente, auf das Kosmische.

Wir können dies alles mit Worten erläutern und rational erklären, aber der Rest bleibt dem Zugriff der Ration verschlossen, weil sich hier Vorstellungen anschließen, die Sache der subjektiven, inneren Anschauung, des eigenen Weltbildes sind, vor allem des Erlebens, der inneren Erfahrung mit all ihren Emotionen.

Wir stoßen also an eine Grenze des einsichtig Mitteibaren. Wer diese überschreitet, muss sich bewusst sein, dass er sich auf das Gebiet der Esoterik und der Mystik begibt.

Zugegeben, unser Denkansatz von der kosmischen Gebundenheit ist eine rationale, vernünftige Aussage; aber sie liegt an der Grenze zum Irrationalen, vor allem deshalb, weil wir mit Symbolen arbeiten und nicht mit naturwissenschaftlichen Sätzen. Auch jeder Glaube, trotz aller Glaubensgewissheit, ist irrational, esoterisch. An dieser Grenze scheiden sich die Geister. Die einen sehen in einer Tempelarbeit eine das Gemüt erfassende Feier, andere eine Mysterium. Jeder nach seinem Geschmack.

Die Freimaurerei ist niemals von beiden Auffassungen frei gewesen. Dieser Umstand hat zu vielen Irrungen, Wirrungen und Missverständnissen geführt, sowohl in der Freimaurerei selbst, als auch besonders in der Öffentlichkeit (siehe Ludendorff u.a.). Aber von unserem theoretischen Standpunkt aus gesehen, hat Freimaurerei im Kern nichts mit Esoterik und Mystik zu tun, sondern mit dem Leben des real existierenden Menschen. Dieser Mensch stellt Fragen nach dem Sinn seines Daseins und er braucht die Befriedigung seines Gefühlslebens. Möge die Tempelarbeit für den einen mysterienhafte Züge haben, für den anderen nur eine bewegende Feier sein: In ihrer Feierlichkeit, ihrem Symbolgehalt, ihrem Verweis auf Transzendentes, spricht sie das Gefühl und den Intellekt an, wendet sich an den inneren Menschen.

Die Handlungen im Tempel sind der Öffentlichkeit verschlossen. Das macht sie geheimnisvoll und somit verdächtig. Es geschieht aber nichts, das das Licht der Öffentlichkeit scheuen müsste. Das Besondere liegt darin, dass es eine Feierstunde ist, die so intim und innig anzusetzen ist, dass sie keine Störung verträgt, weder von außen noch von innen.

Sie ist ein Erlebnis, dem sich keiner, der daran teilnimmt, entziehen kann, es sei denn, er ist ein betont nüchterner Mensch oder ein übelwollender. Über ein solches Erlebnis kann ich sprechen und es analysieren. Aber im letzten bleibt es ein Rest, ein Inneres, das nicht ausdrückbar ist. Das gilt übrigens für jedes Erlebnis, weil es ein subjektives Ereignis ist. Nur dem, der ein ähnliches Erlebnis gehabt hat, kann ich andeuten, was ich empfunden habe.

Das Erlebnis ist das einige Geheimnisvolle an der Freimaurerei, das die Brüder untereinander verbindet und bindet und das, psychisch bedingt, niemals verraten werden kann, weil es unaussprechbar ist.

V.
Ich möchte zusammenfassen und meine Aussagen auf den Punkt bringen. Bei dem Versuch, die Wertinhalte der Freimaurerei zu entwickeln, werden als grundlegend angesehen:

  1. Die Idee der Bruderschaft als eine besondere Form der Gemeinschaft, die auf Vertrauen, Achtung, Einstehen für einander und gegenseitige Hilfe aufgebaut ist.
  2. Die Arbeit des Aufbauens im Sinne der Weiter- und Höherentwicklung des einzelnen und der gesamten Menschheit unter Verwendung handwerklicher Symbole.
  3. Die Freimaurerei ist auf das Diesseits gerichtet und kann daher keine Religion sein.
  4. Die Richtschnur für das Handeln des Freimaurers in der Gesellschaft ist das Sittengesetz, eine aus der Vernunft entwickelte Ethik.
  5. Aus der Vernunft und aus dem Sittengesetz folgt die Idee der Geistesfreiheit, der Meinungsfreiheit und die Glaubensfreiheit als Grundsätze, der Gedanke der Gleichwertigkeit aller Menschen und die Toleranz ihnen gegenüber.
  6. Die Antworten auf die Frage nach dem Sinn des Menschlichen Daseins finden ihren Ansatz:
    a) Im Bewusstsein der Eingebundenheit in den Kosmos.
    b) in der Einsicht, dass es über das rational Erfassbare ein Umgreifendes gibt, das unfassbar aber in gleicher Weise geordnet erscheint (Kosmos).
    c) In diesem Umgreifenden könnte ein universales Prinzip wirksam sein, das “Großer Baumeister aller Welten” (GBaW als Wortsymbol) genannt wird.
  7. In Feierstunden werden o.a. grundlegenden Ideen unter Verwendung von Symbolen und symbolischen Handlungen lebendig. Diese sprechen sowohl den Verstand als auch das Gemüt an und verdichten sich zu einem subjektiven Erlebnis.

Vor diesem Grundlegenden lässt sich Freimaurerei jeglicher Spielart entwickeln. Was darüber hinausgeht und sich in der Vielgestaltigkeit der Freimaurerei zeigt, aber nicht diesem Grundlegenden zugeordnet werden kann, sind Erweiterungen und besondere Wege, die durchaus ihren Reiz haben und den Menschen ansprechen mögen. Sie sind aber nichts Grundlegendes, eher schmückendes, leider auch missverständliches und verschleierndes Beiwerk, das manchmal wichtiger genommen wird, als es uns gut tut.

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