Die Loge „Zur Wahrheit“ in den ersten Nachkriegsjahren

von Br. Rainer Raillard, erstmals publiziert in der Festschrift „Der Wahrheit verpflichtet“, anlässlich des 100. Stiftungsfestes der Loge „Zur Wahrheit“ im Jahre 2007.

I. Neugründung

Der 18. Mai 1947 ist ein Sonntag. An diesem Tag treffen sich im zerstörten Nürnberg im Ratsstüberl des Städtischen Rathauskellers zehn Brüder[1], die sich auf Einladung des Baurats Dr. Alfred Schmidt zur Neugründung der am 20.03.1933 durch Beschluss der Mitgliederversammlung aufgelösten Loge „Zur Wahrheit“[2] dort eingefunden haben. Das Protokoll dieser Gründungsversammlung sei der historischen Wichtigkeit wegen zitiert:

„Bruder Stahl eröffnet um 10 Uhr die Sitzung und teilt mit, dass es sich bei den zu fassenden Beschlüssen nur um einstweilige, provisorische Festlegungen handeln kann, weil seitens der Militär-Regierung noch nicht die notwendigen endgültigen Richtlinien zur Vornahme der Neugründung vorliegen. Bruder Stahl gedenkt der während der Unterbrechung der Logenarbeit verstorbenen und gemordeten[3] Brüder, und die Anwesenden erheben sich von ihren Sitzen.

Zu Punkt 1 der Tagesordnung

erstattet dann Bruder Schmidt einen umfassenden Bericht über die Aufgaben und Ziele der neu zu beginnenden Arbeit; er bezeichnet als Grundlagen dafür: Kosmopolitismus, Humanität und Toleranz. An schlagenden Beispielen zeigt er auf, wie in der Vergangenheit echte frm. Arbeit vom FzaS geleistet worden ist, im Vergleich zu unrichtiger Haltung anderer Logen. Der Bericht wird von den Brüdern mit zustimmendem Beifall zur Kenntnis genommen.

Zu Punkt 2 der Tagesordnung

macht Bruder Stahl folgenden Wahlvorschlag:

1. Vorsitzer (u. MvSt.): Bruder Dr. Alfred Schmidt
2. Vorsitzer: Bruder Hans Meier
3. Vorsitzer:   Bruder Leo Stahl
Schriftführer: Bruder Christoph Heinlein
Schatzmeister:     Bruder Konrad Holzmann
Beisitzer:    die Brüder
Erwin Schönburg
Claus Pittroff
Johannes Kretschmar

Die provisorische Wahl erfolgt einstimmig nach diesem  Vorschlag.

Zu Punkt 3 der Tagesordnung

verliest Bruder Dr. Schmidt den Entwurf einer provisorischen Satzung mit acht Punkten[4], die ebenfalls einstimmige Annahme finden. Es heißt dort u.a.:

„Die im Jahr 1908[5] gegründete und dort in das Vereinregister eingetragene Reformfreimaurerloge „Zur Wahrheit“ entsteht als unabhängige, örtliche reformfreimaurerische Vereinigung mit ihrem Sitz in Nürnberg neu. […]

Mitglied kann jeder werden, der das 21. Lebensjahr überschrit­ten hat, unbescholten und politisch einwandfrei ist und sich zu einer demokratischen Staatsauffassung bekennt. Die Aufnahme ehemaliger Mitglieder der NSDAP und ihrer belastenden Verbände unterliegt den Vorschriften der hierfür geltenden Gesetze und wird seitens der Vereinigung besonders geprüft.

Zweck der Vereinigung ist die Pflege freimaurerischen Ideengutes unter Weglassung überlebtem, dem modernen Menschen widersinnig erscheinenden Brauchtums und Pflege der Humanität und Toleranz. Richtlinie ist ihr die Vernunft des Menschen, einzige Quelle der Erkenntnis die Wissenschaft. Gewalt und Krieg sind ihr als atavistische Lebensäußerungen vernunftbegabter Wesen ebenso verhasst, wie Überheblichkeit bezüglich Rasse und Religion. Sie will „dem Rechte, das mit uns geboren“[6] zum Siege und damit zum Glück der Menschheit verhelfen.“[7]

Und weiter geht es im Protokoll:

„Bruder Stahl beglückwünscht Bruder Dr. Schmidt zu seiner einstweiligen Wahl als 1. Vorsitzender und überreicht ihm Arbeitsinsignien, die er aus den Ruinen in der Hallerwiese[8] gerettet hat und derer sich die Loge bis auf weiteres bedienen kann.

Die Brüder geben nun das erste Zeichen.

Es wird noch besprochen, dass ein Ritual angeschafft werden soll, da amerikanische Brüder, die später zur Arbeit eingeladen werden sollen, darauf Wert legen. Es wurden Versuche gemacht, mit den Brüdern in Frankreich wieder in Verbindung zu kommen und diese Versuche werden fortgesetzt. Ebenso wollen wir mit den tschechischen Brüdern die Verbindung aufnehmen.

Zusammenkünfte sollen wöchentlich, vorerst aber mindestens einmal monatlich ohne Ritual stattfinden, möglichst Samstagabend. Ort und genaue Zeit der nächsten Zusammenkunft wird den Brüdern noch bekannt gegeben.

Es wird ein Monatsbeitrag von RM 10,- beschlossen.

Bruder Meyer gibt Streiflichter auf frm. Erfahrungen, die er in der Vergangenheit machte und teilt mit, dass er voraussichtlich frm. Schrifttum und auch ein Ritual aus Regensburg beschaffen kann; es würden sich auch dortige Brüder der Loge anschließen.

Bruder Stahl erwähnt, dass wir natürlich nur charakterlich und politisch völlig einwandfreie Brüder aufnehmen können und wollen, dass es aber auch anderseits an Werbung unter solchen geeigneten Persönlichkeiten nicht fehlen soll, und es soll zu diesem Zweck demnächst auch eine größere öffentliche Versammlung veranstaltet werden. Bruder Stahl wird Bruder Mohr, der sich in Amerika aufhält, die Grüße der wieder zusammengeschlossenen Brüder übermitteln.

Bruder Schmidt schließt um 11 Uhr die Sitzung.“

Soweit das Protokoll.

Der Reformfreimaurerloge „Zur Wahrheit“ wird mit Schreiben vom 18.07.1947 vom Städtischen Polizeipräsidium Nürnberg[9] als erster Freimaurerloge in Nürnberg[10] gegen eine Gebühr von 24,– RM  für eine auf örtliche Basis gestellte Tätigkeit die Genehmigung erteilt.

Aber erst zwei Monate später, am 26. September 1947, erhält die Loge vom Büro der amerikanischen Militärregierung für Bayern, in München[11], die „Vorläufige Lizenz zur Beschäftigung mit brüderlicher Tätigkeit innerhalb Nürnbergs“, in der es u.a. heißt:

  1. „Der diesem Büro durch das Polizei Präsidium Nürnberg am 9. September 1947 vorgelegte Antrag für die Organisation einer Freimaurer Gruppe, datiert 16. August 1947 wird gutgeheißen.
  2. Auf Grund dessen wird für die in dem Antrag und den beigehefteten Statuten dargelegte Absicht, von diesem Datum[12] an, der Freimaurer-Loge „Zur Wahrheit“ für die Beschäftigung mit brüderlicher Tätigkeit innerhalb des Stadtkreises Nürnberg eine vorläufige Lizenz ausgegeben.
  3. Personen, die politisch gesehen frei sind vom Nazimakel, soll die Mitgliedschaft in der Gruppe offen stehen einschließlich solcher Personen, die vom Gesetz zur Befreiung vom Nationalsozialismus und Militarismus zu nicht mehr aktiven Nazis als „Mitläufer“ erklärt wurden.“

II. Entnazifizierte Suchende

Schon in der Gründungsversammlung hat Bruder Leo Stahl darauf hingewiesen, dass wir natürlich nur charakterlich und politisch völlig einwandfreie Brüder aufnehmen können und wollen[13].

Es ist interessant zu sehen und typisch für die damalige Zeit, wie allmählich die Haltung der Brüder aufweicht, von der Aufnahme nur politisch völlig einwandfreier Brüder im Jahr 1947 bis zu dem Beschluss im Jahre 1950, dass die Zugehörigkeit zur NSDAP kein Hindernisgrund (zur Aufnahme) ist.

Auf der Generalversammlung am 22.06.1948 wird einstimmig beschlossen, auch Entlastete[14] und Jugendamnestierte[15] aufzunehmen. Schon vier Monate später, am 29. 10.1948, wird wieder über die Frage diskutiert, ob wir frühere Mitglieder der NSDAP aufnehmen wollen und es wird beschlossen, in Spruchkammerverfahren als „Mitläufer“ Bezeichnete zuzulassen, wenn wir sie nach genauer Prüfung als in unserem Sinne einwandfrei befunden haben[16].

Im Juni 1950 gibt es noch einmal eine Debatte unter den Brüdern darüber, ob in Zukunft ehemalige Mitglieder der NSDAP in die Loge „Zur Wahrheit“ aufgenommen werden können. Die meisten der anwesenden Brüder sprechen sich für eine Aufnahme aus, vorausgesetzt, dass es sich bei dem Suchenden um eine rein formelle Nazi-Mitgliedschaft handelt, die aus irgendwelchen beruflichen oder wirtschaftlichen Verpflichtungen heraus zustande gekommen ist. Ausgesprochenen „Nazis“ soll die Aufnahme weiterhin verwehrt bleiben. Die Zugehörigkeit zur NSDAP allein soll kein Hindernisgrund sein. Maßgebend für die Beurteilung soll das charakterliche Gesamtverhalten des Suchenden sein, wobei jeweils streng individuell vorgegangen werden soll.[17]

III. Logenräume gesucht

Die Loge „Zur Wahrheit“ ist neu gegründet, aber wo soll sie ihre Zusammenkünfte abhalten, wo arbeiten? Das alte Logenhaus, Hallerwiese 16, von den Nationalsozialisten als „Logenmuseum“ missbraucht, ist ziemlich zerstört, sodass nur noch einige Räume im Erdgeschoss und die Kellerräume bestehen[18].

Am 12. Januar 1946 sagt  Hans S., wohnhaft im Nebenhaus Hallerwiese 18, vor der Kriminalpolizei u. a. folgendes aus:

„Als am 5. April 1945 durch Fliegerangriff das Anwesen Logen-Museum in Brand geriet, leistete ich mit einigen Mädchen die erste Brandbekämpfung, doch konnten wir mit den Handspritzen des Feuers nicht Herr werden und schickten um Hilfe zur Polizei, die dann einen Löschtrupp mit Motorspritze der Hitler-Jugend einsetzte.

Als ich nach einiger Zeit zu der Schadensstelle zurückkam, beobachtete ich, dass einige Angehörige der HJ. Gegenstände wie Säbel u. a. sich angeeignet hatten. Nachdem ich diese zur Rede stellte, äußerten diese, dass mich dies nichts anginge und nahmen eine drohende Haltung gegen mich ein, worauf ich dann diese Angelegenheit dem 3. Pol. Rev. meldete und zwar dem Pol. Oberleutnant Schumacher. Ob die Polizei etwas dagegen unternommen hat, weiß ich nicht. Die Loge brannte zum großen Teil aus, ein weiterer Teil wurde noch bei der Verteidigung Nürnbergs zerstört, da in den Räumen, die noch erhalten, Abteilungen der Waffen-SS sich eingenistet hatten. Zivilbevölkerung hatte während der Besetzung durch die SS keinen Zutritt zur Loge, nach deren Abzug wurde das Gebäude durch amerik. Truppen besetzt. Mir ist nicht aufgefallen, dass Deutsche in dem Anwesen geplündert hätten.“[19]

Noch im Januar 1946 besichtigt Kriminalrat Leo Stahl[20], später Neugründungsmitglied der Loge „Zur Wahrheit“, mit zwei Kriminalbeamten das
ehemalige Logenhaus.

Dabei wurde folgendes festgestellt:

„Das Inventar des Logenmuseums, das im 2. Stockwerk untergebracht war, wurde durch Fliegerangriff total zerstört. Obwohl das Betreten der 2. Etage lebensgefährlich ist, ist mit Bestimmtheit anzunehmen, dass daraus verschiedene Utensilien der Logen nach dem Fliegerangriff gestohlen wurden; denn darin befinden sich nur noch wertlose, teilweise angebrannte Inventarstücke wie Schaukästen usw. Die Kästen und Schränke sind alle leer.

In dem Raum im Erdgeschoss waren Bücher und Freimaurerutensilien, wie Zirkel, Hämmer Kelche usw., die von der Kriminalpolizei in Verwahrung genommen wurden. […]. Auch der Zustand des Raumes im Erdgeschoss machte den Eindruck, dass daraus die wertvollsten Sachen geplündert wurden. Es ist mit Bestimmtheit anzunehmen, dass die Plünderer Sachkenner waren, weil nur noch die weniger wertvollen Sachen vorhanden waren. Die Schränke waren aufgesprengt.“ […]

Im Amtsblatt der Stadt Nürnberg Nr. 4 v. 16.01.1946 wurde in dieser Sache folgende Bekanntmachung veröffentlicht:

„Freimaurerloge

Aus den Ruinen der ehemaligen Freimaurerloge (dem späteren Freimaurermuseum), Hallerwiese 16, wurde eine größere Menge, z. T. sehr wertvolle Gegenstände wie Teppiche, Silbergeschirr und andere Gegenstände entwendet. Vorhandene Spuren deuten darauf hin, dass Fachleute bzw. Kenner am Werk waren. Personen, welche solche Sachen gekauft oder angeboten bekommen haben (insbesondere Antiquare) oder die sonst über den Verbleib Auskunft geben können, werden gebeten, sich umgehend bei der Kriminalpolizei Nürnberg, Bielingschule, Zimmer 31, zu melden. Angaben werden auf Wunsch vertraulich behandelt.“

Und dann schließt dieser Vermerk, wie sollte es auch in diesen Zeiten anders sein, lakonisch ab:

„Auf vorstehende Veröffentlichung ging bis heute [4.3.1946] bei der Krim.-Pol. keinerlei Meldung ein. Fahndungen nach den Tätern blieben bisher erfolglos“.[21]

Am 29. Oktober 1947 berichtet der M.v.St. Bruder Schmidt über die von drei Brüdern vorgenommene Besichtigung des Logenanwesens in der Hallerwiese. Es ergibt sich daraus, dass es wohl möglich ist, das Haus wieder für Logenarbeit instand zusetzen. Es wird beschlossen, dass Bruder Meyer eine Eingabe an die zuständige Stelle richtet, um zu erreichen, dass uns das Anwesen als Rechtsnachfolger der früheren Eigentümer käuflich überlassen wird. […] Zur Benutzung des Anwesens wollen wir eine Arbeitsgemeinschaft mit der Loge „Albrecht Dürer“, die inzwischen ebenfalls lizenziert ist, anstreben.[22]

Am 5.11.1947 stellt die Freimaurerloge „ Zur Wahrheit“ zusammen mit der Freimaurerloge „Albrecht Dürer“ einen Antrag auf  Rückübertragung[23] des am 22.6.1937 von der „Stadt der Reichsparteitage“ Nürnberg enteigneten Logengebäudes, das zum Zeitpunkt der Enteignung einen Wert von über 100.000 RM hatte, bezahlt wurden von der Stadt der Reichsparteitage Nürnberg lediglich 38.000 RM. Die beiden Logen betrachten sich, so heißt es in dem Antrag, als Rechtsnachfolger der ursprünglichen Eigentümer, der Freimaurerlogen „Joseph zur Einigkeit“ und „Zu den drei Pfeilen“, die beide nicht mehr existieren.

Im Jahr 1948 kann die Loge „Zur Wahrheit“ dankenswerterweise im Tempel der Loge „Zur Wahrheit und Freundschaft“ in Fürth arbeiten. Wann die erste Tempelarbeit der Loge „Zur Wahrheit“ nach der Neugründung stattgefunden hat, ist im Protokollbuch leider nicht eingetragen. Die Anwesenheitslisten[24] verzeichnen eine Aufnahmeloge am 18. Februar 1948, an der 24 Brüder teilgenommen haben, die aber im Protokollbuch nicht belegt ist. Erst am 13.06.1948 ist im Protokollbuch[25] eine Aufnahmeloge vermerkt. Zwei Wochen später, in der Generalversammlung am 26. Juni 1948[26], nimmt der M.v.St. Bruder Schmidt – entsprechend einer Anregung des Bruders Großmeister vom 19.04.1948[27] – vorerst durch Handschlag die Brüder Lehrlinge und Gesellen der LzW aus der Zeit vor 1933, Hermann Saueracker, Paul Hirschmann, Martin Pieper und Christoph Heinlein in den III. Grad auf und an.

Schon Ende 1947 wird ins Auge gefasst, solange das alte Logengebäude nicht benutzt werden kann, in der Virchowstraße 22 geeignete Räume für Tempelarbeiten und Zusammenkünfte anzumieten[28], die schon im Juli 1948 bezogen werden sollen[29]. Aber erst am 13. Februar 1949 findet im Rahmen einer Aufnahmeloge[30] in Anwesenheit des Großmeisters Theodor Vogel die feierliche Einweihung des neuen Tempels in der Virchowstraße statt. An dieser Veranstaltung haben 81 Brüder teilgenommen[31].

Villa in der Virchowstr. 22, heute von genutzt von einer Privatschule. Im 1.  Stock befand sich der Tempel (Aufnahme 2005)

Mitbenutzer des neuen Logengebäudes sind die Logen „Zu den drei Pfeilen“, „Joseph zur Einigkeit“, „Luginsland“, „Albrecht Dürer“ sowie die Druidenloge „Hain der Erkenntnis“[32]. Das Mietverhältnis in der Virchowstraße ist von Anfang an unerquicklich und endet zum 28.02.1951[33]. Ein Rechtsstreit um die Renovierung nach der Kündigung endet in einem Vergleich vom 17.12.1951, statt der geforderten Wiederherstellungskosten von DM 850,– sind von den Logen lediglich DM 350,– zu bezahlen[34].

In der Zwischenzeit ist das alte Logenhaus in der Hallerwiese soweit instand gesetzt worden, dass darin wieder gearbeitet werden kann. Der erste Clubabend der Loge „Zur Wahrheit“ findet dort am 21.März 1952 statt[35] und am 20. April  die  feierliche Lichteinbringung von fünf brüderlich verbundenen Nürnberger Logen[36].

Altes Logenhaus in der Hallerwiese 16a (Aufnahme historisch)

IV. Kampf gegen die Wiedergründung altpreußischer Großlogen und Logen

Zwischen 1933 und 1935 passten sich die meisten deutschen Großlogen dem Nationalsozialismus an, besonders die drei altpreußischen Großlogen. So schrieb beispielsweise der „National-christliche Orden Friedrich der Große“ (vorher „Große Nationale Mutterloge zu den drei Weltkugeln“) an seine Mitglieder im April 1933 u.a.:

  1. „Wir sind keine Freimaurer mehr. Das ist jedem Außenstehenden von jedem Ordensbruder sofort zu sagen.
  2. Das Geheimnis braucht nicht mehr gewahrt zu bleiben.“[37]

Es ist sicher nur allzu verständlich, dass die Brüder der Loge „Zur Wahrheit“ Neugründungen dieser Logen nach dem Ende des Nationalsozialismus sehr misstrauisch und ablehnend gegenüberstehen. Mit großem Unbehagen sieht Bruder Leo Stahl[38], Kriminaldirektor und stellvertretender Leiter der Polizeidirektion Nürnberg im April 1946, dass sich hier in Nürnberg […] eine kleine Gruppe ehem. Altmaurer zusammengefunden hat. […] „Es sind reaktionäre Brüder, welche das Schürzchen nur zur Tarnung bzw. zur Rehabilitierung ihrer mangelnden politischen Vergangenheit verwenden wollen. Die zuständigen Stellen habe ich schon gewarnt; sie sind im Bilde und stehen unserer „Teutschen Freimaurerei“ mit Recht skeptisch gegenüber. An uns wird es liegen, diese Skepsis wenigstens uns gegenüber zu beseitigen. Ich glaube, dass es gelingen wird.“[39]

Auch Bruder Bernhard Beyer, Großmeister der Großloge zur Sonne von Bayreuth, wendet sich in der gleichen Sache 1947 an Leo Stahl, inzwischen Polizeipräsident von Nürnberg. Ihm bereitet es große Sorge, dass die drei sogenannten altpreußischen Großlogen und Logen überall wieder fröhliche Auferstehung feiern. Auch in München haben sich schon wieder zwei von ihnen neu organisiert, und in Nürnberg versuchen sie dieses Ziel auch in irgendeiner Form zu erreichen. […]

Die wiedererstandenen Münchener Logen haben sich früher den Nazis als ungemein völkisch gesinnt empfohlen. Zum Teil amtieren jetzt wieder solche Brüder an führender Stelle, die auch seinerzeit, als ihre Großlogen und Logen mit Allgewalt in die nationalsozialistischen Organisationen  hineinzugelangen suchten, dabei maßgebend mitgewirkt ha­ben müssen.

Begreiflicherweise sind das natürlich für unsere humanitäre Freimaurerei unhaltbare Zustände, zumal wir bisher vergeblich versucht haben, die Logen ihrem altpreußischen Standpunkt abspenstig zu machen. […]

In Bayern müsste jetzt danach gestrebt werden, so Bernhard Beyer, dass nur solche Logen lizenziert würden, die sich einwandfrei humanitär umstellen und sich – was dann bei ihnen ja auch keine Hindernisse mehr finden kann – später einer humanitären Großloge von Bayern, genannt zur Sonne, anzuschließen gewillt sind[40].

Wahrscheinlich aufgrund dieses Schreibens besprechen die Brüder der Loge „Zur Wahrheit“ in einer Zusammenkunft im kleinen Ratsstüberl des Rathauskellers Nürnberg, dass Versuche im Gange sind, die preußischen Großlogen mit ihren nationalistischen und rückschrittlichen Neigungen wieder zuzulassen. Wir wollen dagegen in geeigneter Weise nachdrücklich Stellung nehmen, und die Brüder der wieder zugelassenen humanitären Logen können uns dabei wahrscheinlich gute Bundesgenossen sein.[41]

Hans Meyer kann sich nicht denken, dass Menschen, die sich vom humanitären Prinzip abgewendet haben, heute innerlich frei sind von Antisemitismus und Nationalismus, einerlei ob sie formell Parteimitglieder waren oder nicht. „Auf jeden Fall“, so betont Meyer, „halte ich es im Interesse einer sauberen Freimaurerei für das Richtige, Logen, die der Großen Nationalen Mutterloge zu den drei Weltkugeln, der Großen Landesloge der Freimaurer von Deutschland oder der Großloge von Preußen zur Freundschaft, alle drei in Berlin, angehört haben, die Lizenz zu versagen“[42].

Theodor Vogel, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der hammerführenden Meister der bayerischen Freimaurerlogen, hält es für nicht unwichtig, die Tochterloge „Lug­ins­land“ der Großen Landesloge aus dem Verband dieser altpreußischen Großloge herauszulösen und damit in das Wiedererstehen der höchst unerwünschten altpreußischen Großlogen in Süddeutschland eine wirksame Bresche zu schlagen.[43]

Die Herauslösung gelingt tatsächlich. Die Große Landesloge der Freimaurer von Deutschland darf sich in den ersten Nachkriegsjahren in Bayern nicht etablieren. Die Loge „Luginsland“ stellt sich daher unter den Schutz der Großloge „Zur Sonne“ in Bayreuth, die sich damals „Großloge von Bayern“ nannte[44]. Heute gehört die Loge „Luginsland“ zu der Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland (A.F.u.A.M.).

V. Ritualfreiheit in der Loge „Zur Wahrheit“

Die Arbeit nach dem alten FzaS-Ritual spielt auch heute noch in der Loge „Zur Wahrheit“ eine große Rolle, vor allem, dass bei den Logenarbeiten in eigener Loge kein Schurz getragen wird, wie es schon in der Loge vor 1933 üblich gewesen ist.

Bereits 1948 wird in der Generalversammlung vom 26. Juni festgelegt, dass wir bei Arbeiten zusammen mit Brüdern anderer Logen den uns dort evtl. gereichten Schurz anlegen, auf den Zylinderhut aber verzichten. In unserer eigenen Loge wollen wir ohne Schurz und Hut arbeiten.[45]

Leo Stahl beschreibt das so:

„Um überhaupt arbeiten zu können und die Anerkennung der Besatzungsmacht zu finden, mussten wir kleine Konzessionen machen, Konzessionen, die man uns in wirklich brüderlicher Weise empfahl. Wir arbeiten nach dem Ritual des FzaS, tragen aber keinen Hut, keinen Schurz usw. und haben nur das Zugeständnis gemacht, dass auf dem Altar bei den Tempelarbeiten auch die Bibel aufgelegt wird. Aber nicht allein diese, bei uns liegen 3 Bücher auf. In der Mitte das unbeschriebene Buch[46] des FzaS als Sinnbild des Suchens nach Wahrheit usw., rechts die 9. Sinfonie als Sinnbild des Schönen und links die Bibel als Sinnbild des Guten. Dem Suchenden wird vom Meister v. Stuhl nach eingehender Erklärung freigestellt, auf welches Buch er seinen Eid ablegen will.“[47]

Auf Grund eines Zwischenfalls bei einer gemeinsamen Arbeit der fränkischen Logen in Würzburg im Jahr 1972[48] kommt es in der Frage des Schurztragens von Brüdern der Loge „Zur Wahrheit“ zu einem Schriftwechsel[49] mit dem Großmeister der Großloge der A.F.u.A.M, Hans Hinterleitner, der zur endgültigen Klärung dieser Frage das Ritualkollegium einschaltet, das wie folgt dazu Stellung nimmt:

„Es ist bekannt, dass bei der Gründung der VGL eine Reihe von Logen ihren Beitritt nur nach der Zusicherung erklärten, sie dürften nach ihrem überlieferten Ritual und Brauchtum weiterarbeiten. Wenn dies bei der Loge „Zur Wahrheit“ in Nürnberg der Fall war, so müssen wir das Wort des damaligen Großmeisters respektieren.

Das Ritual des FzaS gehört zu den anerkannten Traditionsritualen aus der Zeit vor 1933, auf die sich Art. 37, Abs. 2 unserer Verfassung bezieht. Die Logen des FzaS arbeiteten ohne Schurz und ohne hohen Hut. Es ist für eine Loge, die traditionsgemäß nach diesem Ritual arbeitet, im Rahmen der zugestandenen Ritualfreiheit möglich, hieraus das Recht abzuleiten, ebenfalls ohne Schurz und hohen Hut zu arbeiten.

Dieses Recht kann selbstverständlich nur Geltung besitzen für die Mitglieder dieser Loge und für ihren Tempel. Falls besuchende Brüder nicht von sich aus und aus Höflichkeit auf das Tragen des Schurzes verzichten, dürfen sie nicht dazu gezwungen werden. Ebenso wird es umgekehrt eine Frage des brüderlichen Taktes sein, beim Besuch anderer Logen, sich dem dortigen Brauchtum anzupassen.“[50]

Warum allerdings im Anschluss an die Jahreshauptversammlung vom 31.10.1980 der einstimmige Beschluss gefasst worden ist, „dass zum nächstmöglichen Termin bei den Tempelarbeiten – in Anlehnung an die freimaurerische Bekleidungsordnung – Schurze getragen werden“[51] ist angesichts dieser eindeutigen Aussage des Ritualkollegiums nicht nachzuvollziehen. Dieser Beschluss sollte – auch wenn er wahrscheinlich nie ausgeführt wurde und wohl bald in Vergessenheit geraten ist – ganz formell wieder aufgehoben werden[52].

Möge die Loge „Zur Wahrheit“ weiterhin als Grundlagen ihrer Arbeit – wie Bruder Alfred Schmidt es in der Gründungsversammlung im Mai 1947 formuliert hat – „neben Humanität und Toleranz in erster Linie auch den Kosmopolitismus sehen; denn wenn wir als Freimaurer bestehen wollen, müssen wir aus unseren nationalen und weltanschaulichen Bindungen heraustreten und die ethnischen, rassischen und sprachlichen Unterschiede zwischen den Menschen bewusstseinsmäßig überwinden“[53]. Möge uns das gelingen!

Quellennachweise:

[1] Laut Protokollbuch der Loge „Zur Wahrheit“, Nürnberg, 18.5.1947 – 15.2.1952 (künftig zitiert als Protokollbuch I), Gründungsversammlung vom 18.5.1947,  sind  dies die Brr. Dr. Schmidt, Stahl, Schönburg, Loebe, Pitteroff (richtig: Pittroff), Heinlein, Holzmann, Meyer, Hirschmann, Kretschmar.  (Logenarchiv Loge „Zur Wahrheit“ künftig zit. als LgA LzW 26).

[2] Vereinsregisterauszüge 1911-1933/34 (LgA LzW 16).

[3] Das waren die jüdischen Brr. Schloß und Wertheimer, die im Konzentrationslager ermordet wurden (LgA LzW 14).

[4] Nicht im Protokoll aufgeführt. Abschrift der Satzung vom Februar 1947 (LgA LzW 17).

[5] Wahrscheinlich ein Abschreibfehler; denn in der Mitgliederversammlung vom 26.6.1948 (Protokollbuch S. 13f)  wurde “festgestellt, dass als Gründungsjahr unserer Loge natürlich nach wie vor 1907 zu gelten hat, wenn auch infolge der freiwilligen Unterbrechung der Arbeit, die Neugründung im Jahre 1947 erfolgen musste“  (LgA LzW 26).

[6] Es erben sich Gesetz und Rechte / wie eine ew’ge Krankheit fort; /sie schleppen von Geschlecht sich zum Geschlechte / Und rücken sacht von Ort zu Ort. / Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage; / Weh dir,  dass du ein Enkel bist! / Vom Rechte, das mit uns geboren ist, / Von dem ist leider! nie die Frage. (Goethe, Faust I, Studierzimmer, Mephisto, Vers 1972-79)

[7] Folgende Satzungsänderung wurde in der Zusammenkunft am 21.11.1947 (Protokollbuch S.6f) einstimmig beschlossen: “Name der Loge: Freimaurerloge „ Zur Wahrheit“ in Nürnberg. Ziffer 5 hat zu lauten: Zweck der Vereinigung ist die Pflege freimaurerischen Ideengutes, Pflege der Humanität und Toleranz. Gewalt und Krieg sind ihr als atavistische Lebensauffassungen vernunftbegabter Menschen ebenso verhasst wie Überheblichkeit hinsichtlich  Religion und Rasse. […]“ (LgA LzW 26).

[8] Dort stand das zerstörte Logenhaus.

[9] Originallizenz (Lizenz-Nr 2603) mit dem handschriftlichen Vermerk: approved  James V. Demartino, Major,   Infantry, Jul 23 1947 (LgA LzW 20).

[10] Vgl.: Festschrift 90 jähriges Stiftungsfest der Loge „Zur Wahrheit“ e.V. im Or. Nürnberg. Auszug aus der Geschichte der Loge 1907-1997 (künftig zit. als Stiftungsfest), S. 12 (LgA LzW 41).

[11] Office of Military Government for Bavaria Intelligence, Historical and Reports Branch, Munich, Germany,U.S. Army; Originallizenz in englischer Sprache mit deutscher Übersetzung  (LgA LzW 20).

[12] Das bedeutet, dass nicht die vom Polizeipräsidium Nürnberg ausgestellte Lizenz, sondern  die amerikanische die wichtigere ist und nur sie zur Aufnahme der Arbeit berechtigte.

[13] Protokollbuch I,S. 3 (LgA LzW 26).

[14] Nach dem Gesetz über die Befreiung vom Nationalsozialismus und Militarismus vom 5.3.1946 wurden Betroffene in Spruchkammerverfahren in fünf Gruppen eingestuft: Gruppe I: Hauptschuldige, Gruppe II: Belastete, Gruppe III: Minderbelastete, Gruppe IV: Mitläufer und  Gruppe V: Entlastete.

[15] Nach der Jugendamnestie-Verordnung galt die Jugendamnestie für Jugendliche der Gruppe IV ab Geburtsjahrgang 1919.

[16] Protokollbuch I, S. 21 (LgA LzW 26).

[17] Protokollbuch I, S.  61 (LgA LzW 26).

[18] Vermerk vom 9.1.1946 [von der Polizeidirektion Nürnberg, Kriminalpolizei] Abschrift, (LgA LzW 57).

[19] Vernehmungsprotokoll vom 12.1.1946; Polizeidirektion Nürnberg, Kriminalpolizei, Abschrift (LgA LzW 57).

[20] F.Z.A.S.-Freimaurer und später Polizeipräsident von Nürnberg.

[21] Vermerk vom 4.3.1946, Polizeidirektion Nürnberg, Kriminalpolizei, (LgA LzW 57).

[22] Protokollbuch I, S. 5 (LgA LzW 26).

[23] Antrag auf Rückübertragung  –  Neuübertragung  –  von Eigentum an Vermögenswerten gem. Kontrollrats-Direktive  (KRD) und Militärregierungsgesetz (MRG) 58 vom 5.11.1947 (LgA LzW 57).

[24] LgA-LzW 43.

[25] Protokollbuch I, S.11 (LgA LzW 26) sowie Anwesenheitsliste (LgA LzW 43).

[26] Protokollbuch I, S. 12 (LgA LzW 26).

[27] Protokollbuch I, S. 9f (LgA LzW 26).

[28] Protokollbuch I, S. 7 (LgA LzW 26).

[29] Protokollbuch I, S. 9 (LgA LzW 26).

[30] Protokollbuch I, S. 24 (LgA LzW 26).

[31] LgA LzW 43.

[32] LgA LzW 59.

[33] siehe aber Stiftungsfest, S. 14: Der Hinweis dort, die LzW habe ihr Haus in der Virchowstr. erst nach der Einweihung des alten Logenhauses aufgegeben, ist unrichtig.

[34] LgA LzW 58.

[35] Protokollbuch Nr. II, S. 8 (LgA LzW 27).

[36] Das Nürnberger Logenhaus in der Hallerwiese 16a und seine Eigentümer im Spiegel der Zeit 1761 – 1969, hg. von den Eigentümern des Logenhauses anlässlich der am 19./20. September 1969 stattgefundenen Einweihung  ihres neu aufgebauten Hauses in Nürnberg, Hallerwiese 16a […], (künftig zit. als Nürnberger Logenhaus),  S. 20.

[37] Schreiben des National christlichen Ordens Friedrich der Große vom 12.4.1933 an sämtliche Ordensgruppen und Kränzchen und ehemaligen Mitglieder der bisherigen Großloge, in: Helmut Neuberger: Freimaurerei und Nationalsozialismus. Das Ende der deutschen Freimaurerei, Hamburg  1980, S. 309.

[38] vgl. Anm. 19.

[39] Schreiben von Leo Stahl an Johannes Drechsler vom 24.4.1946 (LgA LzW 20).

[40] Schreiben von Beyer an Stahl vom 31.11.1947 (LgA LzW 20).

[41] Protokollbuch I, S. 6f (LgA LzW 26).

[42] Schreiben von Meyer an den Polizeipräsidenten in Nürnberg vom 21.11.1947 (LgA LzW 20).

[43] Schreiben Vogels an Stahl vom 18.12.1947 (LgA LzW 20).

[44] Nürnberger Logenhaus, S. 20; 1949 gründeten 12 Brüder der Loge Luginsland eine neue Loge Lynkeus der Türmer,  1952 entstand daraus noch die Loge Zur Gralsburg, beide der Großen Landesloge der Freimaurer von Deutschland (FO)  zugehörig.

[45] Protokollbuch I, S. 14f (LgA LzW 26).

[46] Das sog. Weiße Buch.

[47] Schreiben (Kopie) von Leo Stahl an Johannes Drechsler vom 2.6.1950 (LgA LzW 82).

[48] Wahrscheinlich sind dort Brüder der Loge „Zur Wahrheit“ ohne Schurz zur Tempelarbeit erschienen.

[49] In LgA LzW 82.

[50] Schreiben (Kopie) Ritualkollegium GL AfuAM vD an Hans Hinterleitner vom 27.3.1972 (LgA LzW 82).

[51] LgA LzW 29 und LgA Lzw 82.

[52] Im Jahre 2004 durch einstimmigen Beschluss so erfolgt

[53] Definition aus: Brockhaus-Enzyklopädie: in 24 Bd. – 19., völlig neubearb. Aufl., Bd. 12,  S. 400, Mannheim 1990.

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