• Die Lange Nacht der Wissenschaften 2017

Unsere Geschichte

bj-anh-1801Die Loge „Zur Wahrheit“ und
der Freimaurerbund „Zur aufgehenden Sonne“

von Br∴ Andreas Hornig, Hirschaid
aktualisiert von Br∴ Kurt O. Wörl

 

I. Monismus

Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert hatte Ernst Haeckel (1834 – 1919) mit einem Buch („Die Welträtsel“) ungeheures Aufsehen erregt. Es schien den Weg zu zeigen, wie man rein wissenschaftlich alle Erscheinungen erklären könne, ohne einen allmächtigen Schöpfer zu benötigen. Das war ein gewissermaßen einspuriger, daher auch als monistisch bezeichneter, Weg; im Gegensatz zu der als dualistisch bezeichneten Weltanschauung, welcher der Glaube an ein Leben im Diesseits und im Jenseits zugrunde liegt.

Anhänger dieser monistischen Überzeugung nahmen als sicher an, dass der unaufhaltsame Fortschritt der Wissenschaft die Kirchen und ihre Lehren zwangsläufig im Laufe der Zeit überflüssig machen werde.

Ernst Haeckel

Auf Initiative von Ernst Haeckel wurde 1905 der Deutsche Monistenbund in Jena gegründet, ein antikonfessioneller Zusammenschluss von Freidenkern, der sich in scharfer Polemik vor allem gegen die christlich-dogmatischen Lehren wandte und schlicht und einfach erklärte:

„Die Gesamterfahrung der Wissenschaft hat ergeben, dass alles in der Welt mit natürlichen Dingen zugeht.“

II. Situation der Freimaurerei dieser Zeit

Es wird gesagt, dass ungefähr 3/4 der Bruderschaft dieser Zeit den drei Altpreußischen Großlogen angehörten. Dies waren

  • Die Große National – Mutterloge „Zu den drei Weltkugeln“ (konst. 24.6.1744)

  • Die „Große Landesloge der Freimaurer von Deutschland“ (konst. 16.7.1774) und

  • Die „Große Loge von Preußen“, genannt „Royal York zur Freundschaft“  (konst. 11.6.1798)

Nur diesen drei Großlogen war es aufgrund eines königlichen Ediktes von 1798 gestattet, in den preußischen Staaten Logen zu gründen. Daher die Bezeichnung „Altpreußische Großlogen“. Dieses Privileg wurde erst 1893 aufgehoben nachdem der aus der Großloge „Royal York“ ausgetretene Großmeister Settegast die Großloge „Kaiser Friedrich zur Bundestreue“ gegründet und einen entsprechenden Rechtsstreit durch alle Instanzen gewonnen hatte.

Auf der anderen Seite standen die sogenannten „humanitären“ Großlogen:

  • Große Loge von Hamburg (die Tochterloge Absalom zu den drei Nesseln ist die älteste Loge Deutschlands, gegründet 1737), konst. 30.10.1740 bzw. 4.3.1811,

  • Große Landesloge von Sachsen in Dresden, konst. 28.9.1811,

  • Großloge „Zur Sonne“ in Bayreuth, konst. 21.01.1741 bzw. 11.12.1811,

  • Große Mutterloge des Eklektischen Bundes in Frankfurt am Main, konst. 13.1.1823,

  • Große Freimaurerloge „Zur Eintracht“ in Darmstadt, konst. 22.3.1846.

In Leipzig gab es ferner seit 14.10.1883 eine freie Vereinigung von fünf unabhängigen in ihrer Mitgliederzahl sehr starken Logen, die sich dann 1924 zur Großloge „Deutsche Bruderkette“, Leipzig zusammenschlossen.

  • Minerva zu den 3 Palmen in Leipzig, konst. 20.3.1741,

  • Archimedes zu den drei Reißbrettern in Altenburg, konst. 31.1.1742,

  • Balduin zur Linde in Leipzig, konst. 7.2.1776,

  • Karl zum Rautenkranz in Hildburghausen, konst. 7.2.1787,

  • Archimedes zum ewigen Bunde in Gera, konst. 26.10.1804 (1a).

Christliche und humanitäre Logen waren in Deutschland aufgrund des Streits um die so genannte „Christliche Frage“ entstanden:

Grundlage aller Freimaurerei ist bis heute das Konstitutionenbuch Andersons in seiner Fassung aus dem Jahre 1723. Dort heißt es in Abschnitt I, dass der Maurer zu der Religion verpflichtet ist, in der alle Menschen übereinstimmen. Über die Auslegung dieser Formulierung herrschte Streit, der innerhalb von Deutschland dazu führte, dass sich 2 Hauptrichtungen herausbildeten; eben die so genannte „christliche“ und die so genannte „humanitäre“.

Die „christliche“ Richtung vertritt die Auffassung, dass Anderson – selbst strenggläubiger presbyterianischer Geistlicher – nur die verschiedenen Formen der christlichen Religion gemeint haben kann, in welcher alle Maurer übereinstimmen sollen. Deshalb machen sie das christliche Bekenntnis zur Vorbedingung für die Aufnahme ihrer Mitglieder. Die Lehrart der Großen Landesloge war (und ist bis heute) gemäß ihrer Verfassung „auf das Christentum gegründet, das die eigentliche Richtschnur für alles freimaurerische Streben bilden muss“. Unter Christentum wird verstanden die „alleinige Lehre Christi, wie sie in der Heiligen Schrift enthalten ist“.

Die Große Landesloge war und ist also von dieser Grundlage aus nicht nur berechtigt, sondern auch verpflichtet, keine Nichtchristen aufzunehmen.

Bei den „Drei Weltkugeln“ findet sich im Ritual von 1770 folgende Bestimmung: „Nur ein Christ kann in unseren ehrwürdigen Orden aufgenommen werden, keineswegs aber Juden, Mohammedaner, Heiden, denn nur die christliche Religion hat die ausschließliche Macht, ein böses Herz wieder gut zu machen.“

Die liberalste unter den Preußischen Altlogen war die „Royal York zur Freundschaft“. Sie hatte am christlichen Prinzip nur bis 1872 streng festgehalten und anschließend ihren Tochterlogen in dieser Hinsicht freie Entscheidung gelassen; 1924 wurde es aber wieder eingeführt.

Die „humanitären“ Logen dagegen legten die „Alten Pflichten“ Andersons dahingehend aus, dass die von Anderson geforderte religiöse Toleranz sich auf alle Glaubensbekenntnisse beziehen soll, also namentlich auch auf nichtchristliche. Zwar legten auch sie die Bibel auf den Altar ihres Tempels, aber für sie war die Bibel nicht gleichgesetzt mit der göttlichen Offenbarung und dem Glauben an den persönlichen Christengott sowie die Auferstehung; für die „humanitären“ war die Bibel nur Symbol des Glaubens an eine göttliche Weltordnung; nicht das Zeichen einer dogmatischen Bindung an eine bestimmte Konfession.

Aber auch der Abschnitt II der Alten Pflichten, der von der „bürgerlichen Obrigkeit, der höchsten und untergeordneten“ handelt, hat viele Debatten ausgelöst. Streit gab es hier um die Formulierungen: „Ein Maurer ist ein friedfertiger Untertan der bürgerlichen Gewalt“ und „sollte ein Bruder Empörer gegen den Staat sein, so ist er in seiner Empörung nicht zu bestärken“.

Die Frage, wie weit ein Maurer ein friedfertiger Untertan zu sein habe, und was unter einem Empörer zu verstehen sei, hat viele Köpfe erhitzt. In denjenigen Logen jedenfalls, die sich in Verfassung und Lehrart ihrem jeweiligen Landesherrn verpflichtet sahen, war dann auch von Untertanentreue, von Ehrfurcht und Ergebenheit gegenüber dem Landesherrn die Rede.

Allgemein kann gesagt werden, dass die „christliche“ Freimaurerei zu jener Zeit dank der Erinnerung an Friedrich den Großen hohe Achtung genoss und die humanitäre – allein schon aufgrund der Zahl ihrer Mitglieder erheblich weniger. Allen gemeinsam war das Gedankengut des Dualismus wie oben beschrieben so entweder in katholisch-christlicher, konservativ-monarchischer oder protestantisch-kirchlicher Ausprägung und diese jeweils verbunden mit der staatstragenden Gesinnung der Zeit; deren Mittelpunkt die gottgewollte Monarchie und das Nationalstaatsbewusstsein bildeten

III. Die Antwort der Reformmaurerei

Da die Entwicklung der Zeit jedoch zugleich immer mehr von den rasanten Fortschritten auf allen Gebieten der Naturwissenschaften geprägt worden war, fand der Gedanke des Monismus bei aufgeschlossenen reformwilligen Menschen Begeisterung, wobei diese Freidenker von ihrem Denkansatz her, dass nämlich die ganze Welt sich rational mit Mitteln der Naturwissenschaft erklären lässt, naturgemäß mit denjenigen in Widerstreit gerieten, die der überkommenen Ideenwelt der gottgewollten Monarchie, des Nationalstaates und des Christentums anhingen.

Aus der Erkenntnis heraus, dass die Freimaurerei in dieser überkommenen Ideenwelt gefangen war, weil diese Ideenwelt es gerade nicht zuließ, ganz nach den Geboten der Toleranz und Brüderlichkeit zu leben, wurde dann der Gedanke nach einer auf der Grundlage des Monismus basierenden Reformmaurerei geboren, wobei sich zunächst in Nürnberg 1906 die „Deutsche Freidenkerloge“ mit 19 Brüdern konstituiert:

Ihre Ziele sollen sein

  • Selbsterziehung und Selbstveredelung des Menschen

  • Vervollkommnung der menschlichen Gesellschaft,

  • Gleichberechtigung untereinander,

  • völlige Denk- Glaubens- und Gewissensfreiheit

Damit war die Grundlage zur Gründung eines „Allgemeinen Freimaurerbundes auf monistischer Weltanschauung“ geschaffen, wie sie dem geistigen Wegbereiter Karl Heinrich Loeberich vorschwebte.

Am 27.7.1907 wird in Frankfurt am Main eine Generalversammlung mit immerhin schon 127 Teilnehmern abgehalten, die beschließt, den Namen der „Deutschen Freidenkerloge“ zu ändern in Freimauerloge „Zur aufgehenden Sonne“. Es ist anzunehmen, dass die Gründer schon damals de Begriff „Loge“ als nicht zutreffend erkannten und darum anschließend die Eintragung in das Nürnberger Vereinsregister als Freimaurerbund „Zur aufgehenden Sonne“ beantragten.

Somit ist eine neue Großloge mit dem Namen Freimaurerbund „Zur aufgehenden Sonne“, abgekürzt FZAS, gegründet, mit folgenden Besonderheiten:

Es soll nur nach einem einzigen Ritual und auch nur im ersten Erkenntnisgrad gearbeitet werden, wobei die so genannte „maurerische“ Bekleidung abgeschafft ist, keine Bibel aufgelegt wird und keine Anrufung Gottes (in Gestalt des Allmächtigen Baumeisters aller Welten) erfolgen soll. Insbesondere können – und das ist ein Novum in der Freimaurerei – auch nicht Religionsgebundene (sog. Atheisten) aufgenommen werden.

Auf der Grundlage der monistischen Weltanschauung ist dies ganz konsequent. Denn wenn ich die Annahme für wahr halte, dass alles Sein mit Mitteln der Naturwissenschaft erkennbar und erklärbar ist brauche ich zum einen keine weiterführenden Erkenntnisgrade in einem philosophisch-humanitären Lehrgebäude, da sich ein solches schlichtweg erübrigt. Zum anderen kann ich dann natürlich auch mit Bezügen zu Gott oder Religion nichts anfangen und sie folglich auch in kein auf dieser Grundlage geschaffenes Ritual einbauen. Ferner können in der Konsequenz eigentlich auch nur Atheisten aufgenommen werden. Diese letzte Konsequenz wird allerdings nicht gezogen, da man das Prinzip der Toleranz voranstellt.

Diese Besonderheiten des FZAS werden von den Altlogen als „nicht regulär“ bezeichnet. Viele Versuche der Anpassung der Altlogen und des FZAS werden immer wieder an der Intoleranz beider scheitern; der FZAS bleibt vom Standpunkt der als regulär geltenden Freimaurerei illegitim; ein „Kuckucksei der deutschen Freimaurerei“. Darunter hatte der FZAS Zeit seines Bestehens zu leiden und viele Mitgliederverluste sind darauf zurückzuführen. Seine Gründer aber erkannten den Altlogen kein Richteramt darüber zu, was rechtmäßig sei und was nicht. Die Echtheit ihres Ringes wollten sie allein durch maurerische Leistungen erbringen.

Am 12.08.1907 wird der Beschluss aus Frankfurt umgesetzt und die Loge „Zur Wahrheit“ (LzW) als Mutterloge des FZAS und als LAndesloge für Bayern offiziell in der Gastwirtschaft „Stadt Wien“ in der Brunnengasse, in Nürnberg gegründet.

Ihr erster Meister vom Stuhl ist Bruder Loeberich, der geistige Urheber des Bundes.

In der Folge mietet die LzW für ihre Arbeit Räume im Heldengässchen, in der Gartenstraße, in der Johannisstraße und im Bahnhofshotel an, um dann endlich das Haus Archivstraße 9 zu kaufen.

1908 konkretisiert sich die Forderung vieler Brüder, die Grade II und III mit in das Ritual aufzunehmen. Damit einher geht die langsame Abkehr vom reinen Monismus.

Ab 01.07.1908 erfolgt die Herausgabe der „Sonnenstrahlen“ als vertrauliche FZAS-Beilage in der Zeitschrift „Freie Glocken“.

Schon 1911 wendet sich der FZAS vom Gedankengut des Monismus ab, was das Ausscheiden von Loeberich zur Folge hat.

Dr. Marcinowski

1914 erscheint die 2. Auflage des Ritualbuches mit Graden I, II, III durch Bruder Johannes Marcinowski.

1918 Nach dem 1. Weltkrieg nehmen die LzW und der FZAS (als erste Großloge) die schon vor dem 1. Weltkrieg gepflegten Beziehungen zu den Französischen Großlogen „Grand Loge“ und „Grand Orient“ sehr schnell wieder auf ,wollen gemeinsam die Wiederannäherung beider Nationen forcieren und treten für die Befriedung Europas ein.

Auch damit isoliert sich der FZAS von der übrigen Freimaurerei Deutschlands, in der die Sage von der „Schmach von Versailles“ genauso für wahr gehalten wird wie in weiten Teilen der Bevölkerung.

Inzwischen arbeiten in Europa 49 FZAS-Logen mit 1.475 Brüdern. 1919 erfolgt eine weitere Überarbeitung der Rituale I und II; sie werden mehr den Ritualen der anderen Logen angepasst. Das Ritual III wird von christlich-religiö­sen Einflüssen vollständig befreit.

1921 erkennen „Grand Loge“ und „Grand Orient“ den FZAS bei der Gründung der „Association Maconique International“ (AMI) als regulär an; der FZAS wird aber 1925 selbst, wegen des Einspruches der holländischen und der amerikanischen Großlogen, auf die Aufnahme in die AMI verzichten, um nicht direkt abgelehnt zu werden.

1923 existieren 79 FZAS-Logen mit 2.850 Brüdern, die noch auf 3.000 anwachsen werden (in Deutschland, der Schweiz, in Österreich, in der Tschechoslowakei und in Ungarn).

1924 wird der Sitz der Großloge FZAS von Nürnberg nach Hamburg verlegt.

1925-1927 wechseln wegen der Regularisierungsprobleme 800 Brüder zur Großloge „Zur Sonne“ über.

1930 gründen 600 Brüder, in dem Bestreben nach Regularität, unter ihnen alle Brüder der Harburger Loge „Zur Erkenntnis“ ,die „Symbolische Großloge von Deutschland“, Sitz Hamburg e.V.“. Sie erfüllt alle die von der Großloge von England für eine Regularität gestellten Bedingungen und wird in der Folgezeit von ausländischen Großlogen anerkannt. Erster Großmeister wird Br. Leo Müffelmann (2).

1931 installiert die Symbolische Großloge in Jerusalem die Tochterloge „Zur Quelle Siloah“.

1932 richtet die LzW zum 25jährigen Jubiläum, in Nürnberg, im Deutschen Hof, den letzten Großlogentag vor der Machtergreifung aus; unter den Delegationen sind auch „Grand Loge de France“ und „Grand Orient de France“ anwesend.

Max Seber, der FZAS-Großmeister, ruft alle Brüder Meister zu geistigem Widerstand gegen das NS-Regime auf – im Gegensatz zu anderen Deutschen Großlogen, die sich nach der Machtergreifung 1933 den Nazis erst anbiedern und 1935 aufgelöst werden. Aufgrund dieser Vorkommnisse verkauft die LzW schon 1932 das Haus Archivstr. 9 und teilt den Erlös unter den Brüdern auf.

1933 erfolgt im Frühjahr die offizielle Auflösung von FZAS und LzW. Auch der Großmeister der Symbolischen Großloge von Deutschland, Br. Leo Müffelmann, lehnt eine Anpassung an die neuen Machthaber strikt ab. Er ordnet die Einschläferung der Großloge an.

1934 wird die „Symbolische Großloge von Deutschland im Exil“ in Jerusalem konstituiert. Sie arbeitet mit 5 Logen in Israel und bewahrt so das freimaurerische Licht hell leuchtend. Br. Müffelmann wird, nach wiederholter Inhaftierung durch die Nationalsozialisten, am 29.8.1934 zu höherer Arbeit abberufen; er wurde 53 Jahre alt.

Dem FZAS gehörten in der Zeit seines Bestehens viele namhafte Männer von internationalem Ruf an, z.B.:

  • Carl von Ossietzki, ein Kämpfer für Frieden und Freiheit, der die geheime Aufrüstung der Wehrmacht aufdeckte und dafür ins Gefängnis und KZ kam; er erhielt 1935 den Friedensnobelpreis, den er nicht annehmen durfte und starb an den Folgen langjähriger Haft.

  • Kurt Tucholsky, ein Kämpfer für Wahrheit und Menschlichkeit. Die Nationalsozialisten hatten seine Bücher verboten und verbrannt. Er starb ausgebürgert im schwedischen Exil.

    (Anm.) Tucholsky und von Ossietzki waren die Herausgeber der politisch – satirischen Monatszeitschrift „Die Weltbühne“

  • Wilhelm Ostwald, Nobelpreisträger für Chemie.

IV. Die „Dunkle“ Zeit 1933-1945

Das Archiv des FZAS wird von der Gestapo beschlagnahmt und vernichtet. Die Brüder des FZAS sind – sofern sie nicht freiwillig ins Exil gegangen – vielfachen Verfolgungen und Repressalien ausgesetzt.

Zwei Brüder der Nürnberger Loge „Zur Wahrheit“ (Rechtsanwalt Justizrat Dr. Siegfried Schloss und Rechtsanwalt Dr. Fritz Moritz Wertheimer) kommen im KZ um; Br. Claus Pitroff, Staatssekretär a.D., sitzt im KZ; Br. Leo Stahl, nach 1945 Polizeipräsident von Nürnberg, ist inhaftiert. Sofern es ihnen möglich ist treffen sich die übrigen Brüder der LzW in der Zeit bis 1945 zwanglos und „unverdächtig“ im Rahmen von Kegel-, Wander-, und Gesangsvereinen, im häuslichen Bereich sowie in verschiedenen städtischen Einrichtungen und halten so Kontakt zueinander.

V. LzW und FZAS nach 1945

Die Bestrebungen vorwiegend Hamburger Brüder, den „Freimaurerbund zur aufgehenden Sonne“ neu entstehen zu lassen, sind nicht von dauerhaftem Erfolg beschieden. Sofern seine Einzellogen nach 1945 überhaupt wieder begründet werden, schließen sie sich schließlich 1949 mit der überwiegenden Mehrzahl der Logen anderer humanitärer Obödienzen in der „Vereinigten Großloge der Freimaurer von Deutschland“ zusammen, der heutigen Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland e.V., die zunächst ihren Sitz in Frankfurt am Main hat, später in Bonn und seit 1999 in Berlin. Sie wird am 19.6.1949 gegründet. Dieser Zeitpunkt ist auch der Anlass, das in Israel in der Symbolischen Großloge bewahrte freimaurerische Licht nach Deutschland zurückzubringen. Br. Bünger, Meister vom Stuhl der bereits 1946 wiederbegründeten Harburger Loge „Zur Erkenntnis“ übergibt das exliierte Licht symbolisch an den ersten Großmeister der neuen deutschen Großloge, Br. (Dr.) Theodor Vogel.

Auch in Nürnberg haben sich 1946 wieder Brüder Freimaurer zusammengefunden, um ihre Logen neu entstehen zu lassen. Für die „Loge zur Wahrheit“ ist dabei in erster Linie an den damaligen Nürnberg Polizeipräsidenten, Br. Leo Stahl, zu erinnern, der am 4.3.1946 bewirkt, dass aus dem zum größten Teil zerstörten und geplünderten Logenhaus Hallerwiese noch einige Arbeitmittel sichergestellt werden.

Alteigentümer dieses Logenhauses waren die Loge „Josef zur Einigkeit“ und die Loge „Zu den drei Pfeilen“ gewesen. Nach einer Zwangsenteignung vom 22.6.1937 war es „Eigentum“ der „Stadt der Reichsparteitage“ – Nürnberg. Das Haus hatte zum Zeitpunkt der Enteignung einen Wert von über 100.000,– Reichsmark; bezahlt wurde eine Enteignungsentschädigung von 38.000,– Reichsmark.

VI. Wiederbegründung der Loge „Zur Wahrheit“

Am 18.5.1947 findet dann im Ratsstübl des Städt. Rathauskellers Nürnberg die Wiedergründung der Freimaurerloge „Zur Wahrheit“ e.V. statt. Erster Vorsitzender und Meister vom Stuhl wird Br. Alfred Schmidt, Baurat in Nürnberg.

Am 18.7.1947 erhält die Loge Zur Wahrheit als erste Loge nach dem Kriege die polizeiliche Genehmigung (Lizenz Nr. 2603) gegen eine Gebühr von 24 Reichsmark. Das Mitgliederverzeichnis weist bereits für 1947 zwanzig Brr. aus.

Br. Leo Stahl steht in engem Briefwechsel mit dem Großmeister der wiederbegründeten Großloge „Zur Sonne“ in Bayreuth, Br. Theodor Vogel. Beide sind sich einig, dass nur unbelastete Brüder Zugang in die Logen finden sollen.

Die Brüder der LzW wollen ihre rituelle Eigenständigkeit aus der Zeit des FZAS bewahren. Dies aber würde ihnen den Weg in die so genannte Regularität, also die Anerkennung durch alle anderen Freimaurerlogen unter dem Regelement der Großloge von England, versagen.

Br. Theodor Vogel arbeitet an der Begründung einer Vereinigten Großloge von Deutschland als Obödienz für alle humanitär ausgerichteten Logen.

Am 6.10.1948 kommen alle Großmeister zwischenzeitlich wiederbegründeter deutscher Großlogen humanitärer Richtung zu einem Konvent in Bad Kissingen zusammen und beschließen ein Grundgesetz für die von ihnen auf Initiative von Br. Vogel zu gründen beabsichtigte „Vereinigte Großloge der Freimaurer von Deutschland“.

In Ziff. 7 dieses Grundgesetzes ist bestimmt, dass die neue Großloge allen Johannislogen das Recht der freien Entscheidung über Ritual und Lehrart gibt, nach denen die Bruderschaft arbeiten will. Sie verlangt aber „dass das Ritual entweder eines der alten deutschen Großlogen oder von ihr geprüft und gebilligt sein muss“.

Dies nun eröffnet auch der LzW den Weg in die Regularität, da ihr auch nach Beitritt zur neuen Großloge gestattet wird, nach ihrem historischen FZAS-Ritual zu arbeiten.

Am 21.10.1948 schreibt Br. Vogel an den Meister vom Stuhl der LzW, dass ein Vertreter der LzW sich für den 9-köpfigen Ritualausschuss der neu zu gründenden Großloge zur Verfügung stellen soll, denn „es ist notwendig, dass auch aus dem FZAS ein Vertreter benannt ist“.

Am ersten Sonntag im Februar 1949 kann dann endlich die Lichteinbringung durch Br. Vogel vorgenommen werden nachdem die LzW Räumlichkeiten in der Virchowstr. 22 mieten konnte und die LzW vorübergehend der Großloge „Zur Sonne“ in Bayreuth beigetreten war. Anlässlich der Lichteinbringung können gleich drei neue Brüder aufgenommen werden.

Am 19.2.1949 veranstaltet die neue Loge in ihrem Räumen einen Kappenabend mit dem Motto „Tanz bis zum Wecken“. Schon dies lässt die auch in den späteren Jahren deutlicher hervortretende Richtung erkennen: Die Logengemeinschaft versteht sich nicht vorrangig als elitärer Club mit hochgeistiger Zielsetzung, sondern sie will vor allem auch lebendige, lebende Gemeinschaft sein, zu der auch Geselligkeit und Frohsinn gehören.

Am 19.6.1949 wird dann in der Paulskirche in Frankfurt am Main die neue Großloge gegründet, der die LzW seither mit der Matrikel Nr. 582a angehört.

Das Logenleben der 50er Jahre erscheint den heutigen Zeitzeugen im Rückblick einfacher und unkomplizierter; dafür sind Einsatzfreude und Engagement für die eigene Loge allgemein sehr groß in einer Zeit, in welcher Freizeitgestaltung noch ein Fremdwort war und Fernsehen kaum bekannt.

In den 60er Jahren wird ein Neubau für das im Krieg schwer beschädigte alte Logenhaus angestrebt und muss von den Brüdern aller mittlerweile sieben Nürnberger Logen finanziert werden. Es werden so genannte „Bausteine“ in Höhe von DM 500,– und DM 1.000,– von den Brüdern gezeichnet. Karitative Aktionen finden hauptsächlich zu Weihnachten statt, wobei meistens die Nürnberger Altenheime das Ziel sind. Alte Brüder Freimaurer in der ehemaligen DDR werden mit Lebensmittelpaketen unterstützt, um diesen Getreuen ein Gefühl der Verbundenheit zu vermitteln und ihnen das Leben etwas zu erleichtern.

In den 70er Jahren ist die Loge sehr auf sich konzentriert, viel Energie wird verwendet für die Ritualistik und für die Schaffung einer neuen Logensatzung. Es gibt kaum Neuaufnahmen.

In den 80er Jahren wird dagegen wieder mehr eine Öffnung nach außen entfaltet. Es werden auch wieder neue Brüder aufgenommen. Es beginnt das Interesse an der Geschichtsschreibung der Loge.

In den 90er Jahren wirkt die Loge als Motor für eine stärkere Zusammenarbeit der Nürnberger Freimaurerlogen mit dem Ziel eines geschlossenen Auftretens nach außen. Als kleinste Nürnberger Loge nimmt sie es 1994 auf sich, das Bayerische Logentreffen auszurichten. Trotz aller Aktivitäten zählt die Loge aber nur noch 14 Brüder.

1998 ist unsere Loge als erste Nürnberger Loge im Internet vertreten.

Zum Ende des Maurerjahres, im Juni  2000 zählt die Loge wieder 20 Brüder. Eine neue Satzung und ein neues Hausgesetz werden noch im Juni verabschiedet.

Bis 2006 wuchs die Loge unter der Hammerführung Bruder Andreas Hornigs auf 32 ordentliche Mitglieder und zählt auch ein zusätzliches Ehrenmitglied. Sie hat gerade durch den Zuspruch, welchem sich die Loge in den letzten Jahren erfreuen durfte, seither wieder eine außergewöhnlich gesunde Altersstruktur, in welcher sich alle lebenden Generationen wiederfinden.

VII. 100 Jahre Loge „Zur Wahrheit“ und „Wertheimer-Schloß-Medaille“

Im Herbst 2007 feierte unsere Loge in einem Festakt ihr 100jähriges Bestehen. Im Rahmen dieser Veranstaltung hat die Loge “Zur Wahrheit” auch erstmals die “Wertheimer-Schloß-Medaille”, für hervorragendes humanitäres Engagement, verliehen an Karl Rebele aus Beilngries, für sein segensreiches Wirken in der “Nepalhilfe Beilngries e.V”, deren Gründer er zusammen mit seinem Bruder, Michel, auch war.

VIII. „Neue“ alte Rituale

Die Loge arbeitete nach dem Kriege, bis anfangs 2010 mit einem eklektischen Ritual. Ursache war, dass aufgrund der Selbstauflösung der Loge, anfangs 1933, praktisch ihr gesamtes Archiv, welches auf verschiedene Dachböden der Stadt verteilt war, in den Bombennächten des 2. Weltkrieges verloren ging – und damit waren auch die Ritualbücher verloren. So waren die Brüder der wiedergegründeten Loge 1947 auf die Erinnerung der überlebenden Brüder angewiesen und das Ritual wurde aus dem Gedächtnis der Brüder wieder rekonstruiert, was nur teilweise gelang und zudem im Laufe der Zeit zur Übernahme von Passagen aus anderen Ritualen führte, welche die Rituale systembrechend verfälschten.

Erst als 2008 zufällig in einem Online-Archiv für historische Schriften die Originalrituale aus dem Jahre 1914 wieder auftauchten, konnte die Logengemeinschaft es anpacken, ihre Arbeitsweise wieder ihrer Tradition gemäß zu gestalten. Unter der redaktionellen Leitung des damaligen Meisters vom Stuhl, Bruder Kurt O. Wörl, im Zusammenwirken mit dem Ritualkollegium der Großloge der “Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland” (GLAFuAMvD), wurden die Rituale zeitgemäß überarbeitet und nach Genehmigung durch den Großmeister, Bruder Jens Oberheide, die Arbeit mit diesen wieder aufgenommen.

Die Loge “Zur Wahrheit” arbeitet seit Herbst 2010 wieder nach ihren Originalritualen aus dem FZAS Sie hat mit dem diesseitigen FZAS-Ritual auf monistischer Basis seither ein einzigartiges Alleinstellungsmerkmal unter den deutschen Freimaurerlogen und sorgt somit auch dafür, dass sie als ehemalige Mutterloge des FZAS die Errungenschaften der Reform-Freimaurerei lebendig und gegenwärtig hält. Sie ist heute die einzige Loge weltweit, welche diese Tradition noch vollumfänglich pflegt.

Anfangs kritische Stimmen von Brüdern, welche den Weg hin wieder zur Tradition der Loge zunächst nicht mitgehen wollten, bzw. die an dem ihnen bekannten eklektischen Ritual hingen, zeigten sich bald überzeugt, dass es richtig war, dass der Weg beschritten wurde. Einige wenige, nicht zu überzeugende Brüder, verließen daraufhin die Loge.

IX. Loge und Rituale im Routinebetrieb

Die außergewöhnlich weltlich strukturierte, an die Erkenntnisse der Naturwissenschaften gebundene Art der Rituale zeigten sich in der Folge als prägend und fördernd für das Logenleben. Besuchende Brüder anderer Lehrarten zollen der Loge für ihre besondere Arbeitsweise immer wieder hohen Respekt und zeigen sich erstaunt, welch breites Spektrum an Arbeitsweisen die deutsche Freimaurerei zu bieten hat.

Bruder Leonhard Schwab, aus Zirndorf, der ab 2012 das Amt des Meisters vom Stuhlmeister übernahm, gelang es, mit seiner Kunst, die Rituale sehr feinfühlig und beeindruckend zu zelebrieren, diesen einen endgültig hohen und unbestrittenen Stellenwert im Logenleben der Loge „Zur Wahrheit“ zu verschaffen.

MvSt. Wieland Walther

Seit Juni 2016 hat die erste Hammerführung Bruder Wieland Walther, aus Lauf-Beerbach, inne, der seither als neuer Meister vom Stuhl die Geschicke der Loge leitet.

Stand Juli 2017 arbeiten in der Loge „Zur Wahrheit“ wieder 35 Brüder Freimaurer.

X. Schlussbemerkungen und Ausblick:

Bei der weiteren Erforschung der Geschichte unseres Herkunftsbundes und unserer Loge sind wir für alle Anregungen von außen dankbar.

Unseren Brüdern wollen wir eine lebendige und harmonische geistige Heimat bieten in dem Bestreben, unserer Tradition als Loge des Fortschritts gerecht zu werden. Darüber hinaus bemühen wir uns, Kontakte zu anderen Logen im In- und Ausland zu knüpfen, zu pflegen und zu vertiefen.

Interessenten an unserer Arbeit, bzw. ernsthaft Suchende sind uns stets willkommen.

Nürnberg, den 11.07.2017

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